Hühner, Schnurrbärte und die richtige Art zu reisen

Die Pfirsiche sind reif, die Küken sind geschlüpft und Madeleine ist jetzt offiziell Bibliothekarin in der Schulbibliothek von Otaua. Matt hat ein neues Auto und Carmen hat sich von oben bis unten mit Vickis Kajalstift angemalt. Es ist viel passiert in den zwei Wochen, in denen ich allein auf Reisen war. Schön, wieder nach Hause zu kommen.

Vicki hat mich in Wellington abgeholt. Um genau zu sein, war es ein etwas längerer Abhol-Prozess – er dauerte das ganze Wochenende. Wir durften bei ihrer Freundin Tracey übernachten und hatten ungemein viel Zeit zum Reden, Herumfahren und Shoppen. Und das in Wellington. Ich hatte es schon erwähnt, aber zur Sicherheit noch einmal: coole Stadt.

Und hier war sie, meine vorerst letzte Gelegenheit für ein Frühstück im Café Olive. Dieselben Kellner und das gleiche köstliche Essen wie zwei Wochen zuvor – ich fühlte mich schon ganz als Stammgast. Das Café war mein Vorschlag, den Rest der Zeit zeigte Vicki mir ihr Wellington; sie hat hier früher gewohnt.

Mit Traceys Auto fuhr sie mich die kurvigsten Straßen am Wasser entlang, zu den besten Second-Hand-Läden, ein paar Herr-der-Ringe-Drehorten und in historische Stadtteile mit eigenen kleinen Zentren, wie Petone mit seiner Jackson Street. Wir stießen dort auf einen Holland-Laden, was für uns beiden seltsamer Weise fast wie ein Nachhausekommen war. Ich habe eine Menge Lakritz gekauft.

Police

Jackson

Dutch

Und ich wurde wieder von einer Touristin zu einer Besucherin. So fühlt es sich an, wenn ich mit Vicki zusammen bin: Ich besuche ihr Leben. Zufällig spielt sich das in Neuseeland ab. Der Alltag empfing uns nach dem Rückflug am Sonntag in Form von zwei strahlenden Mädchen, die kurz vor dem Schlafengehen noch eben draußen herumsprangen und uns aufgeregt alles erzählten, was ihnen einfiel.

Komm, ich zeig dich den Hühnern!, sagte Carmen und zog mich hinter sich her. Die Hühner interessierten sich allerdings nicht besonders für mich. Trotzdem durfte ich zwei der Küken taufen. Sie hatten sie extra namenlos gelassen, ich fühlte mich geehrt. Wir einigten uns darauf, das gelbe Küken Clementine zu nennen und das braune Frieda. Oder andersherum, ich müsste da nochmal nachfragen.

Heute haben wir Geburtstag gefeiert. Ich war in Havelock, als Carmen drei wurde, und noch in Thailand, als Madeleine neun wurde, deshalb hatte ich etwas nachzuholen. Es gab Kuchen, Kerzen, kleine Geschenke und Schnurrbärte. Madeleine trug ihren mit Stolz, sie hatte ihn sogar noch im Gesicht, als sie den Nachbarn Pfirsiche vorbeibrachte.

Bärte

Pfirsich

In einer Woche sitze ich im Flugzeug zurück nach Deutschland. Bis dahin darf ich mir täglich einen Ausflug wünschen. Ich möchte unbedingt noch an die Westküste mit ihrem schwarzen Strand, nur zehn Minuten von hier. Und ein zweites Mal auf die Awhitu Peninsula, hinter Waiuku, die uns beim ersten Besuch so gut gefallen hat. Ein bisschen Souvenir-Shoppen in Pukikohe muss sein, und am Wochenende sind wir in Hamilton. Matt und Vicki sind auf eine Hochzeit eingeladen, ich fahre als familieneigener Babysitter mit.

Ich werde am Ende fünf Wochen hier gewesen sein – und was habe ich dann nicht alles nicht gesehen! Franz Josef Gletscher, Milford Sound, Kaikoura und Lake Wanaka – um nur ein paar der von mir links liegen gelassenen Sensationen zu nennen. Manche Neuseeland-Reisende schütteln darüber konsterniert den Kopf, das habe ich mit eigenen Augen gesehen. (Immerhin kenne ich Lake Taupo, Coromandel, Rotorua und die Bay of Islands schon vom letzten Mal – was die Nordinsel anbelangt, bin ich auf der sicheren Seite.)

Tatsächlich haben die Kopfschüttler es geschafft, dass ich hin und wieder mit dem Gedanken zu kämpfen hatte: Mache ich es falsch? Verschwende ich wertvolle Reisezeit? Hätte ich wie die kanadische Reisegruppe aus der Nydia Bay vorgehen sollen, die in drei Wochen ganz Neuseeland quasi Stück für Stück abgehakt hat? Aber ich komme immer wieder zu dem selben Ergebnis: Man sollte genau so reisen, wie es am besten zu einem passt. Nur dann wird man davon froh.

Und ich mag es am liebsten, mir fremde Orte vertraut zu machen. Worüber reden die Leute dort, was ist ihnen wichtig und wo gibt es den besten Kaffee? Das kann ich nicht im Vorbeigehen herausfinden. Ich werde also wohl ein bisschen länger brauchen, bis ich alle berühmten Orte Neuseelands gesehen habe. Da sage ich doch: excellent, no worries, sweet as. Ich hab Zeit.

1 reply »

  1. Oh, wie schön es ist, deinen Blog zu lesen! Auch für mich sind es kleine Fluchten aus dem Wetter-Grau, das im Moment überall zu sein scheint, außer dort, wo du dich gerade aufhältst. 🙂 Seeeehr nett, dass du nun auch eine Kükenmama bist, das rundet deine Reise doch schön ab. Und außerdem sehen die Fotos aus wie aus dem Prospekt für Neuseeland-Hungrige, echt perfekt! 🙂 Ich freue mich auf deine nächsten Abenteuer!

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