Leider keine Fotos

Zwei Augenblicke, von denen ich gerne ein Foto gemacht hätte:

Ich gehe die 96. Straße entlang, auf dem Weg von der Bank zurück zu I.. An einem Haus wird im großen Stil gebaut. Vor mir stolpert ein alter Mann über ein Baustellenrohr, dass da normalerweise nicht liegt. Er hält sich so gerade aufrecht. Echt laut, echt plötzlich und direkt in mein Ohr schimpft aus dem Nichts ein weiterer Mann: „Can’t you look where you’re going!!“  Der, der gemeint war, dreht sich um und sieht mich an. „I apologize for my brother“, sagt er. Und dann sehe ich sie beide nebeneinander: zwei dünne, große, ergraute African Americans, die haargenau gleich aussehen und sich mit genervten Blicken bewerfen.

Vielleicht hätte es etwas Spannung aus ihrem brüderlichen Beisammensein genommen, wenn ich sie gefragt hätte, ob ich sie fotografieren darf. Hab mich nicht getraut. Aber ich hab mir vorgestellt, dass der eine zehn Minuten älter ist als der andere und ihn seit 80 Jahren auf diese Weise herumkommandiert. Und dass sie beide es so gewöhnt sind und gar nicht mehr anders könnten. Ich mochte sie sofort, sie haben in diesem kleinen Moment so viel von sich gezeigt. Auch, wenn in Wirklichkeit vielleicht alles ganz anders ist als ich es mir vorstelle.

Gerade lasse ich meinen Blick durch das Café wandern, in dem ich dies schreibe. Und was sehe ich? Ursula von der Leyen. Ist ja nicht zu fassen: An der Theke sitzt eine Frau, die, während sie ihr Lunch verzehrt, auf ihrem Laptop die Tagesschau guckt. Was Ursula von der Leyen zu sagen hatte, weiß ich nicht, weil ich mich bislang geschickt von der Tagesschau und sämtlichen anderen Nachrichtensendungen ferngehalten habe. Reise-Ignoranz. Aber die Frau an der Theke ist vielleicht schon länger in New York und leidet an Heimweh. Dann gibt die Tagesschau ein bisschen Trost, könnte ich mir vorstellen. Jetzt zeigen sie Fotos von Merkel und Putin. Das passt zu meinem zweiten verpassten Foto-Moment:

Gestern im Washington Square Park. Breite Wege zwischen viel Grün, auf beiden Seiten Bänke, darauf jede Menge Menschen, die den Sommernachmittag unter Bäumen und in Gesellschaft anderer Menschen genießen. Von der Szenerie habe ich natürlich Fotos, aber leider nicht von der Frau, die dann in aller gezwungenen Ruhe – auf ihren Rollator gestützt – des Weges kam. Sie war sehr, sehr dick und schob sich mühsam vorwärts, aber sie guckte stolz unter ihrem ulkigen Blümchen-Hut hervor. Stolz und so, als wartete sie darauf, dass die Menschen sie anlächeln. Und das taten sie alle, denn diese Frau trug das perfekte T-Shirt, um zu zeigen, dass sie über den offensichtlichen Schwierigkeiten ihres Lebens steht. Sie wurde so von einer traurigen Erscheinung zu einem Inbegriff von Coolness. Das T-Shirt war riesig, XXXXL, ebenso wie die Buchstaben, mit denen sie ihre Botschaft wogend vor sich her trug:

PUTIN IS MY SEXSLAVE.

Kategorien:Auf Reisen

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