Nicht mehr dort, noch nicht hier

Ein vorbeifahrendes Auto, das Gurren einer Taube, Kirchenglocken. Der Radiowecker startet sein Programm wie bestellt, die Nachrichtensprecherin erzählt von Angela Merkel und spricht ihren Namen korrekt aus: Ich bin wieder zu Hause. Gebietsweise Schauer und Gewitter. Der dritte Morgen, der erste unter grauem Himmel, der Luftzug ist morgendlich frisch. Sommer in Deutschland. Abschied von Amerika.

Abschied

Vor ungefähr 60 Stunden erschien José, I.s Miet-Chauffeur ihres Vertrauens – hier im blauen Hemd -, um mich zum Flughafen zu bringen. „Mit dem Gepäck in die U-Bahn, bist Du verrückt?“, hatte I. gesagt und José angerufen. Es war ihr Abschiedsgeschenk. Mit zusätzlicher Unterstützung durch die Doormen in ihrem Haus, die mir das Gepäck abnahmen, sobald ich aus dem Fahrstuhl gestiegen war, fühlte sich der Beginn der Heimreise plötzlich so an, als müsste ich gleich mindestens Business-Klasse fliegen.

Auf der Columbus Avenue fuhren José und ich an einem dritten Mann aus der Doormen-Crew vorbei, einem besonders netten. Er war in Uniform, offenbar auf dem Weg zum Dienst. Begeistert darüber, einen Bekannten auf New Yorks Straßen zu treffen, öffnete ich das Wagenfenster und merkte zu spät, dass ich seinen Namen nicht wusste. Nicht sehr höflich: Haaaalloo, Heeeey! Er hörte mich trotzdem, sah mich aus dem Auto winken, lächelte und winkte zurück. Ich rief: Ich fahre nach Hause, bis zum nächsten Mal! Er rief: Gute Reise und bis bald! So.

Als wir durch Queens fuhren, sollte ich José, dem chilenischen US-Amerikaner, nur schnell alles über Hitler erklären. Ich dachte, es kann Vorteile haben, wieder in Deutschland zu sein. Und es gibt weitere: Nur in Deutschland kann ich auf den Abiball meines Neffen gehen. Ich habe es gerade rechtzeitig dorthin geschafft.

AbiballII

Übergangsphasen sind etwas Gutes. Irgendwo zwischen nicht mehr dort und noch nicht ganz hier, den Sound von New York noch im Ohr und sogar noch den von Lauras Haus. Wie es sich anfühlt, barfuß über die unebenen Holzdielen meines Zimmers dort zu gehen, weiß ich noch genau. Und wie Annie der Hund guckt, wie weise und lieb und traurig, wenn man ihr den Kopf krault.

I.s New Yorker Bagel-mit-Lachs-Frühstück. Glühwürmchen, die eigentlich Fireflies heißen. „How are you today?“ bei jeder Begegnung mit jedem Menschen, und wenn es nur der Kassierer im Supermarkt ist. Bilder, Worte, Gerüche, Gedanken: Was sich jetzt noch lebendig und nah anfühlt, wird bald verblassen und als Erinnerung wieder geboren. Ich kenne das schon. Und ich mag es. Es gehört dazu, wenn man auf Reisen geht. Ab ins Schatzkästchen.

Aber, und das will ich nicht verschweigen, es hat auch einen Nachteil, wieder in unserer kleinen Stadt zu sein. Ich kann heute keinen Spaziergang über die Brooklyn Bridge machen. Mittwoch war das noch ganz einfach.

DSCF3032

Brooklyn Bridge II

Brooklyn Bridge III

Wall Street

Brookyn Bridge IV

6 replies »

  1. Liebe Frau Grankvist, willkommen daheim, aber bitte noch mehr Geschichten. Wie lebt es sich in einer Woche in der Heimat?
    Vielleicht haben wir ja auch hier Individualisten, über die es zu schreiben lohnt. Mögen Sie noch viele Treffen, round the world–Ihre Gerda

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