Was bleibt

Ukulele

Am Anfang, als ich den Koffer ausgepackt und die Mitbringsel verteilt hatte; als der Jetlag überwunden war und das Leben einfach weiter ging, da dachte ich kurz, alles sei wie vorher. Ich dachte, ich gehe wieder zur Arbeit, ich wohne wieder in meiner Wohnung, ich gehe dieselben Wege, nichts hat sich verändert. Dann habe ich mir die Ukulele gekauft.

Eine kleine, rote Ukulele, für 32 Euro im Musikalienhandel unserer Stadt. Nicht viel mehr als ein Made-in-China-Spielzeug, aber eins mit Musik. Die Verkäuferin hat sie mir noch neu gestimmt, von der in Europa üblichen D-Stimmung in die auf Hawaii und im Rest der USA üblichen C-Stimmung. So hab ich es bei Lake Larsson in Maine gelernt, und es ist doch schön, da weiter zu machen, wo ich vor gut einem Monat angefangen habe.

Ich vermute, dass sehr viele Menschen herumlaufen, die noch nicht wissen, wie viel Spaß es macht, ein paar einfache Akkorde auf einer Ukulele zu klimpern. Es klingt heiter und freundlich, man kann dazu singen, und besonders schwer ist es wirklich nicht.

Als Kind hatte ich klassischen Klavierunterricht, und in meinem Übungsbuch standen Sinnsprüche des Lehrmeisters, unten auf jeder Seite. Einen davon werde ich nie vergessen: „Klimpere nie!“ Mit Ausrufezeichen. Ein Befehl. Ich glaube, dass ich schon als Kind nicht einverstanden war mit dieser Aussage und sie mir deshalb gemerkt habe. 30 Jahre später bin ich endlich so weit zu begründen, warum ich anderer Meinung bin.

Klimpern ist eine einfache und schöne Möglichkeit abzuschalten. Vor sich hin zu spielen erfordert Aufmerksamkeit, aber nicht zu viel. Gerade genug, um Gedanken umzulenken. Weg von unangenehmen Dingen – hin zu der Musik, die in diesem Moment entsteht und zu den Fingern, die dafür ein bisschen auf den Saiten herumturnen müssen. Gleichzeitig bleibt noch genug Aufmerksamkeit übrig für leichtere Gedanken, die kommen und gehen und sich nicht im Kreis drehen. Klimpern ist also eine Art Meditation.

Und wenn man fertig meditiert hat, kann man sich wieder dem Lernen zuwenden: Ich habe heute versucht herauszufinden, wie die rechte Hand die Saiten am besten schlägt, um den richtigen Ton und Rhythmus für „Stand by me“ hinzubekommen. Dank Youtube war das ganz leicht. Jetzt muss ich nur noch üben. Und während ich das tue, wird mir klar, dass die Ukulele nicht das einzig Neue in meinem Leben ist.

Ich schreibe viele Mails mit meiner Catskill-Gastgeberin Laura, wir tauschen weiter Texte aus und kommentieren sie uns gegenseitig. Und ich lese immer noch die New York Times, jetzt in der Smartphone-App. Abgesehen von diesen ganz konkreten Veränderungen habe ich die Erinnerungen an Erlebnisse, Eindrücke und Erfahrungen, von denen ich vorher keine Ahnung hatte. Noch ist nicht klar, was daraus entsteht. Aber es ist gut, daran zu denken, während ich scheinbar dieselben alten Wege gehe.

Kategorien:Im Alltag

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1 reply »

  1. Genau auf diesen Beitrag habe ich gewartet! Danke Frau Grankquist! Es ist doch spannend, was solche Erfahrungen, die einem nur dann begegnen können, wenn man aus dem Dunstkreis des normalen Lebens ausgebrochen ist, mit einem machen – bewusst oder unbewusst, sofort oder erst viel später. Vielleicht passieren einem im Alltag sogar auch ähnliche Begegnungen und Erlebnisse – aber man nimmt sie anders wahr als auf Reisen. Auf Reisen ist der Geist aufgeschlossen und frei und empfänglich auch für Erfahrungen zwischen den Zeilen. Und besonders toll ist es, wenn ihr Zauber auch zu Hause weiterwirkt. Das wünsche ich dir so sehr, denn die Augenblicke, die wir mit dir reisen durften, waren besonders und anrührend. Schon für mich als Leser. Wie gewaltig muss es erst für dich gewesen sein. Also: mach was drauf. Lass dich weitertragen und leiten, lass den Zauber nicht im Sand verlaufen.

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