Hier geht sie

Gartenschau

Heute vor 75 Jahren fing der Zweite Weltkrieg an. I. war gerade zwölf Jahre alt. Sie und ihr Bruder gingen in der Nachbarstadt zur Schule, nachdem ihre eigene von den Nazis zerstört worden war.

Die Kinder von heute lernen die Daten, auf die es ankommt, im Unterricht: 30. Januar 1933. 9. November 1938. 1. September 1939. 8. Mai 1945. Für sie klingt es weit weg. Und das ist es auch. Es ist weit weg, aber hier läuft I. Sie war damals so alt wie die Kinder, die heute darüber in der Schule lernen. I. ist zu Besuch aus New York. Vor 65 Jahren hat sie ihre Heimat verlassen.

Zwischen den Daten liegt das meist Unaussprechliche. Getto. KZ. Todesmarsch. I. hat es überlebt. Und dann ist sie ausgewandert. Ich habe sie durch Zufälle kennen gelernt. Sie hat mir erzählt, woran sie sich erinnern kann. Dann hat sie wieder aufgehört, darüber zu reden. Als ich dieses Foto sah – nicht in der Situation selbst, erst danach – musste ich so sehr daran denken: Da geht sie. Allein und stark, in der Stadt, die früher mal ihre Heimat war.

Im Restaurant rundet sie beim Zahlen nicht auf, sondern lässt das Trinkgeld auf dem Tisch liegen, wenn sie geht. So machen es die Amerikaner. Sie trägt auffälligen Schmuck und schminkt sich elegant, ein grauer Seniorenblouson wäre an ihr undenkbar. Sie sagt Restaurant mit Betonung auf der ersten Silbe. Und sie erinnert sich, nach einem Moment des Nachdenkens mit Blick auf Parkplatz und Gebäude hinter ihrem Elternhaus: Einen Garten hatten wir hier, das war unser Garten. Sie hatte mal ein Leben als Kind in Deutschland. In einem großen Haus mit Garten.

Sie findet, es gebe zu wenig Euro für ihre Dollar, und alles sei teurer als in New York. Aber sie lässt die Haare trotzdem gerne hier machen, eine leichte Welle, etwas Farbe, sie hat hier sogar eine Stamm-Friseurin, mit der sie sehr zufrieden ist. Ihre kleine Großnichte hat Geburtstag, das wird gefeiert, ihre Schwägerin ebenso, und der Neffe kommt einmal für einen Abend vorbei. Außerdem trifft sie Freunde, die noch da sind, von damals. Solche gibt es.

Und sie lädt mich zum Essen ein, zusammen mit ihrem Bruder. Ich sitze mit den beiden in dem altdeutschesten aller altdeutschen Speiselokale, wo er Stammgast ist und entsprechend behandelt wird. Die Mitglieder der Wirtsfamilie kommen einzeln an unseren Tisch, begrüßen ihn und den Gast aus Amerika. I. kennt das schon, jedes Jahr wieder, sie lächelt freundlich und lobt das Essen. Vom Nachbartisch wird interessiert herübergesehen, das wiederum kenne ich schon. Jüngere Leute mit älteren Leuten unterwegs: Da haben Beobachter schnell Geschichten im Kopf und wüssten es gern genauer. Aber hier fragt keiner, wir sind ja nicht in Amerika.

Allerweltsweisheit, trotzdem wichtig für mich: Jeder alte Mensch war mal jung und trägt sein ganzes Leben in sich. Jeder alte Mensch ist mehr als einer, der mit dem Tempo der Jüngeren nicht ganz mitkommt. Belächeln verboten. So, jetzt ist das endlich mal gesagt, dann kann man auch wieder den Gehstock reichen und ein bisschen lauter reden wegen der blöden Schwerhörigkeit.

Wir bringen ihren Bruder, der Ähnliches erlebt hat wie sie, aber aus verschiedenen Gründen im Land geblieben ist, nach Hause, und dann „schieben wir los“, wie I. sagt. Den Buchhändler besuchen, der unser gemeinsames Buch herausgebracht hat. Wir bekommen Kaffee und plaudern ein bisschen. Dann sitzen wir im Auto, weil es so doll regnet. Wir fahren durch ihre Kindheitsstadt, vom einen langen Ende zum anderen und zurück, bis der Regen aufhört.

Dann in den Park. Blumen ansehen. Spazieren gehen. Möchtest du dich zwischendurch mal setzen? Nein, noch geht’s, sagt sie. Sie geht und geht, länger als eine halbe Stunde am Stück. Kein Problem für sie, bis wir uns satt gesehen haben und wieder zum Auto laufen. Zurückfahren zu ihrer Familie. In ihr Elternhaus. Dorthin, wo früher der große Garten war.

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