Der Antiquar

An der Ecke hatte ein neues Geschäft aufgemacht. Geöffnet an drei Tagen der Woche, und man konnte dort alte Bücher kaufen. Ich hatte tagelang nicht an das Geschäft gedacht, aber dann fand ich, ich müsste mal wieder spazieren gehen. Ich ging jedes Mal denselben Weg, wenn ich ging. An dieser Ecke vorbei. Die Post, der Handarbeitsladen, jetzt die alten Bücher.

Es sah geschlossen aus. Dunkel und still. Ein paar weiße Bücherregale, spärlich gefüllt. Zwei Coctailsessel und ein Nierentisch, auch die Möbel aus einer anderen Zeit. Erst auf den dritten Blick sah ich, dass sich ganz hinten etwas bewegte. Etwas, nein: jemand. Der Antiquar. Er blickte hoch. Sah mich um sein Schaufenster herum schleichen. Ich ging schnell weiter.

Ich ging immer dieselbe Runde, die mit den meisten Bäumen. Straße rauf, durch den kleinen Park, Straße wieder runter. 20 Minuten. An diesem Tag musste ich, während ich meine Schritte an der frischen Luft machte, die ganze Zeit an den Antiquar denken. Ein Mann, der in einem Wohngebiet einen Laden für alte Bücher eröffnet. Ich hatte noch keinen Kunden dort gesehen.

Wie lange konnte so ein Mann alleine in seinem Laden sitzen und auf Kundschaft warten? Ich dachte das naheliegendste: Er musste reich sein. Vielleicht war er der Erbe einer berühmten Industriellen-Familie, der sein Erbe dankend angenommen hatte mit dem Hinweis, dass er sich nun zurückziehen werde. Fabriken interessierten ihn nicht. Er wollte lieber vom modrigen Geruch alter Bücher umgeben sein.

Es wurde Herbst, die Dinge änderten sich, aber würde ich deshalb anfangen, modrige Bücher zu kaufen, damit der reiche Erbe nicht so alleine wäre in seinem Laden? Es hatte mich immer schon unruhig gemacht, Geschäfte ohne Kunden zu sehen. Eigentlich musste ich solche Orte meiden, sonst lief ich Gefahr, Dinge zu kaufen, die ich nicht brauchte. Aber andererseits: Wenn er reich war, brauchte er doch keine Kunden.

Mir fiel eine Kastanie auf den Kopf. Sie erinnerte mich daran, dass ich nicht wusste, ob der Mann reich war oder nicht. Was lief ich hier und malte mir seinen Reichtum aus, aus reiner Bequemlichkeit, damit ich nicht gezwungen wäre, ihn mit meinen Einkäufen finanziell zu unterstützen. Die Kastanie fiel und sagte: So einfach ist es nicht, meine Liebe.

Warum öffnete der Mann seinen Laden nur an drei Tagen in der Woche? Ich stellte mir vor, wie an einem sonnigen Montag ein Mensch vor der Ladentür stünde, ein Durchreisender, der nur in diesem Moment die Gelegenheit hätte, das teuerste aller Bücher zu kaufen. Es könnte dem Antiquar die Miete für den ganzen Monat sichern. Und dann stünde der Durchreisende da, die Taschen voller Geld, und sähe das Schild: heute geschlossen.

Vielleicht brauchte der Antiquar aber die geschlossenen Tage für die Jagd nach neuen modrigen Kostbarkeiten. Oder, und das erschien mir, als ich schon fast wieder vor dem Laden stand, am plausibelsten: Er ging Geld verdienen, wenn sein Geschäft geschlossen war. Damit er an Tagen wie diesen hier sitzen konnte, an seinem Schreibtisch, umgeben von alten Büchern, vor sich seinen Computer. Was er darin wohl sah? Seinen Online-Shop vielleicht, und alles, was ich hier sah, war nur Fassade.

Ich näherte mich dem Laden. Der Mann konnte auch von Rosamunde Pilcher in meine Wohngegend gesetzt worden sein. Das sähe ihr ähnlich. Ich beschloss, der Sache auf den Grund zu gehen. Machte ein paar Schritte, ging die Stufen rauf, drückte die Klinke, öffnete die Tür. Ein nicht digitales Gebimmel kündigte meine Ankunft an. Der Antiquar zögerte noch einen Moment, als wollte er auf seinem Computer kurz noch etwas zu Ende lesen. Dann löste er seinen Blick vom Bildschirm und sah mich an.

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