Der Tag der fallenden Dinge

Beim ersten Mal dachte ich mir noch nichts dabei. Das Messer war vom Tisch gefallen – dann hatte ich es sicher zu nah an die Kante gelegt. Machte ja nichts. Ich hob es auf und legte es wieder hin. Es fiel gleich noch einmal runter. Nanu, dachte ich.

Als nächstes fiel das Marmeladentoast aus meiner Hand auf das Nutellatoast. Hatte ich Marmeladen-Nutella-Sandwich, was ich gar nicht wollte. Später lag dann plötzlich die Zahnbürste, die ich gerade noch in der Hand gehalten hatte, im Waschbecken. Ich fing an, mir Sorgen zu machen.

Aber dann, als ich in die Stadt gegangen und ein bisschen unter Leute gekommen war, merkte ich, dass es nicht an mir lag. Es waren die Dinge selbst. Ich saß kaum im Café, schon kippte die Tischdekoration, ein ulkiges Holzweihnachtsmännchen, zu Boden (einfach so). Ich bestellte ein Stück Apfelkuchen, leider, denn dem Wirt fiel in der direkten Folge meiner Bestellung die vornehme Tortenabdeckhaube mit enormem Radau und Scherbenaufkommen vom Tresen. Laut meiner in dieser Sekunde eintreffenden Verwandtschaft war das bis auf die Straße zu hören.

Schließlich ließ noch die Kellnerin beim Abräumen eine Tasse fallen, kurz bevor dem kleinen Sohn des Wirtes das Bilderbuch aus der Hand rutschte. Ich fing an, mich darauf einzustellen, dass spätestens in 20 Minuten das nächste Ding fallen würde. Vielleicht hatte es doch etwas mit mir zu tun? Schließlich hatten alle fallenden Dinge eins gemeinsam: Ich war in ihrer Nähe, als es geschah. Wollten sie mir am Ende etwas sagen?

Ich stellte mir eine Welt der Dinge vor. In der sind sie alle miteinander verbunden und amüsieren sich fleißig über die Menschen. Weil die denken, dass immerhin eine Sache gewiss ist in ihrer Welt der Ungewissheiten: Die Dinge haben keine Seele. Ha, dachte sich das Messer dann vielleicht heute Morgen, das wollen wir doch mal sehen. Und dann hat es die anderen fallenden Dinge in seinen Plan eingeweiht. Mir gefiel der Gedanke, dass das ganze Scheppern nur ein freundlicher Gruß aus einer anderen Welt war. Aber ich habe mich davor gehütet, zurückzugrüßen. Es sollte ja niemand denken, ich hätte sie nicht mehr alle.

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