Das Tristuskind

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Bringt der Weihnachtsmann die Geschenke oder das Christkind? Großeltern und Eltern überlegen noch, als die Bescherung schon angefangen hat – wie sagen sie’s dem Kinde? – aber die Nichte entscheidet selbst: Sie redet nur vom Christkind. Den ganzen Dezember über hat sie Weihnachtslieder gelernt, und „Alle Jahre wieder“ ist dabei eindeutig häufiger vorgekommen als „Morgen kommt der Weihnachtsmann“. Den hat sie zwar auch schon erwähnt, aber das bringt nichts durcheinander für sie. Kinder-Diplomatie, Fall gelöst.

Die Nichte springt mit großem Weihnachtsschwung auf dem Sofa auf und ab, schüttelt die eben ausgepackten Maracas-Rasseln und singt aus vollem Hals: Alle Jahre wieder, kommt das Christuskind! (Wobei es ein bisschen nach Tristuskind klingt.) Die Melodie geht hier und da ihre eigenen Wege, aber an Textsicherheit mangelt es nicht. Ihre Mutter hat ihr alles geduldig vorgesungen. Immer und immer wieder. Der Text sitzt, wenn auch vermutlich nur halb verstanden: Die Sängerin ist erst zweieinhalb Jahre alt. Dass aber Maria und Josef das Kindlein froh betrachten und die redlichen Hirten betend davor knien, kann sie auf jedem Krippenbild problemlos nachweisen.

Bei der Bescherung kommt es ihr vor allem darauf an, Geschenke zu verteilen. Die Information, dass der ganze Berg bunt eingepackter Dinge auf diesem Sessel ihr gehört, quittiert sie mit verständnislosem Schweigen, bevor sie weiter verteilt: Hier, das darfst Du auspacken, sagte sie zur Oma, und dann kommt sie auch zu mir – mit dem Bilderbuch, das ich für sie auf den Berg gelegt hatte. Später werde ich es ihr wieder unterjubeln.

Sie bekommt einen Arztkoffer und spielt mit der Verbandsschere bei mir Friseur. Sie isst so viel Schokolade wie nie zu vor in so kurzer Zeit. Für Lammkeule und Rotkohl bleibt da kein Platz. Die Wangen glühen, sie springt auf dem Sofa auf und ab und ruft: Ich kann springen UND rasseln. Dann nimmt sie den Reflexhammer aus dem Arztkoffer und hämmert wie ein Handwerker am Türrahmen. „Und du erschreckst dich, okay?“, sagt sie zu mir. Wenn ich mich bei ihren Hammerschlägen so überzeugend erschrecke, dass sie selbst zusammenzuckt, ist das Vergnügen für sie perfekt. Für mich übrigens auch.

Die Erwachsenen lassen sich anstecken von ihrer Heiterkeit. Oder es ist ihre eigene. Die noch in ihnen steckt, von früher. Ein paar Stunden aus der Zeit gefallener Glanz, als gäbe es nur uns, den leuchtenden Baum und das Gute dazwischen. Spät am Abend, weihnachtsspät für keine Kinder, fragt die Nichte mit plötzlich verzagter Stimme: Wo sind die Geschenke? Es ist ihr melancholischer Moment. Ich erinnere mich daran, wie schwer es war für mich als Kind: zu merken, dass die magischen Stunden vorüber gehen.

Allerdings, so schlimm ist es nicht – ich kann diesem kleinen aufgeregten Mädchen mit seinen schlafroten Wangen klar machen, dass die Geschenke alle noch da sind – nur nicht mehr eingepackt. Arztkoffer, Bilderbücher, Rasseln, Bäckermütze: alles da. Da ist der Moment vorüber, sie springt wieder aufs Sofa, und während Eltern, Großeltern und Bruder am Esstisch Karten spielen, hüpft das Kind, als gäbe es kein Morgen. Und singt wieder. Jetzt: O du fröhliche, o du selige gnadenbringende (dnadenbringende) Weihnachtszeit.

Dass da eigentlich auch noch eine Holzeisenbahn für sie gewesen wäre, neben ihrem Geschenkestapel, muss niemand erwähnen. Es war auch so genug, merkten ihre Eltern irgendwann. Die Bahn kann nochmal zurück in den Schrank, fürs nächste Jahr.

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