Gut für den Charakter

Niemand versteht mich. Ich sitze in einem offenen Klapper-Minibus in Bangkok; die anderen Fahrgäste lächeln nur verschämt oder starren geradeaus ins Nichts, wenn ich sie vorsichtig auf Englisch anspreche. Dabei würde ich so gerne wissen, ob wir wirklich unterwegs zum großen Einkaufszentrum sind. Die Fahrt dauert schon so viel länger als von der Hotelbesitzerin angekündigt („Only 15 Minutes!“) und ich habe keine Ahnung, wo ich bin.

Um mich herum tobt die größte vorstellbare Menge an Autos, Bussen und Motorrollern. Fußgänger können die Straße nur mithilfe von Brücken überqueren. Am Straßenrand stehen kleine Garküchen, Menschen mit Atemmaske vorm Gesicht kochen unverdrossen. Ich könnte auch eine Atemmaske gebrauchen. Die Luft ist schlecht und der Wagen schuckelt. Alle paar Meter hält er an, Fahrgäste springen auf und ab und geben dem Fahrer ein paar Münzen durchs offene Seitenfenster.

Nur ich bleibe sitzen. Schon länger als eine halbe Stunde inzwischen. Und obwohl ich weiß, dass mir eigentlich nichts passieren kann, träume ich schlecht, als mir kurz die Augen zu fallen. Ich träume, dass ich in einem offenen Minibus sitze, als einziger Passagier. Die Stadt ist weg und ich fahre immer noch. Unheimlich! Dann wache ich auf. Bin doch nicht allein. Und die Stadt ist auch noch da, in all ihrer Krassheit.

Ich weiß nicht, durch welchem Bezirk ich da fahre. Aber es sind keine anderen Europäer in Sicht, und offenbar wird außer mir gerade niemand reizüberflutet. So hab ich mir eine Asienreise lange vorgestellt: Ich sitze ahnungslos und verunsichert zwischen Menschen, die alles normal finden. Und komme nicht mit den üblichen Mitteln, also reden und fragen, voran. Fühle mich fremder als je zuvor.

An meinem letzten Tag in Thailand wird aus dieser Phantasie endlich Wirklichkeit. Das ist ein bisschen so, wie zum ersten Mal den Central Park in New York zu betreten und zu merken: Es gibt ihn wirklich! Ein erhabenes Gefühl, plötzlich lebendiger Teil von etwas lange nur Gedachtem oder Erträumten zu sein. So wie jetzt: Es gibt sie wirklich, die Verlorenheit in einer asiatischen Megacity! Ich versuche, den Moment zu genießen. Versuche zu ignorieren, dass ich immer noch Sorge habe, in ein völlig falsches Gefährt gestiegen zu sein.

Irgendwann leuchtet links McDonald’s, und tatsächlich: Es ist das Einkaufszentrum. Nicht, dass ich hier etwas zu tun hätte. Aber die Hotelbesitzerin hat es mir als Attraktion empfohlen, die ich schnell noch erleben könnte, bevor das Taxi kommt und mich zum Flughafen bringt. Sie meinte, ich könnte dort gut essen. Und bei dem Satz bin ich weich geworden. Ich stand noch unter dem Schock des Vortags.

Als ich nämlich am Abend in diesem ziemlich abseits gelegenen Hotel ankam, wurden meine schlimmsten Befürchtungen wahr: Ich musste einen Topf Instant-Nudeln zum Aufgießen an der Tankstelle kaufen, weil es sonst nichts gab in der Gegend, nicht mal Bananen. Dabei hatte schon mein Mittagessen am Flughafen von Krabi nur aus einer Tüte Salt-and-Vinegar-Chips bestanden. Eine fiese Überdosis Glutamat. Dazu noch ein paar Kekse und ein Trinkjoghurt: Irgendetwas war da in der Planung schief gelaufen.

FiesesEssen

Also zum Mittag nun Ente in dem Einkaufszentrum, das einfach nur „The Mall“ heißt, in diesem mir unbekannten Stadtteil Bangkoks. Die Ente wird mit Basilikum angebraten und mit Reis. Ganz ok und vor allem sättigend, aber im Grunde nichts, für das man eine so lange und anstrengende Anreise auf sich nehmen würde. Aber um der Erfahrung willen war es trotzdem richtig: Eine halbe Stunde Verlorenheit hier und da ist gut für den Charakter. Zumindest in dieser risikoarmen Version.

Foodcourt

Nachtrag: Das Flughafen-Taxi kam zu früh, ich konnte diese Geschichte nicht mehr hochladen, bevor ich Thailand verließ. Dabei kannte der Fahrer dann nicht einmal den Weg zum Flughafen – hätte er sich vorher danach erkundigt, hätten wir getrost eine Viertelstunde später losfahren können. Das wollte ich unbedingt noch erzählen, obwohl es überhaupt keine Rolle mehr spielt. Denn, holaho, ich bin in Sydney!

Wer die Stadt kennt, wird das folgende Bild als Beweis akzeptieren. Es ist ein erstes Handyfoto aus meiner Unterkunft. Im Vordergrund der Bahnhof von Redfern, und dahinter, nun – das muss wohl die Skyline Sydneys sein. Ich geh jetzt mal gucken. Da ich unter Schlafentzug leide, wird jeder Eindruck doppelt so intensiv wirken wie unter normalen Umständen. Ich freu mich schon.

Sydney

2 replies »

  1. Ich finds super wie du mit den unmöglichsten Situationen umgehst. Respekt. Wenn ich richtig informiert bin, kommt aber jetzt der „heimatliche“ entspannte Teil. Wünsch dir puren Genuss!! Herzlichst Maria

  2. Liebe Maria, vielen Dank! Aber ehrlich gesagt, soooo viele unmögliche Situationen gab es ja gar nicht. Die schönen Erlebnisse überwiegen bislang eindeutig. 🙂 Und ja: Jetzt kommt der Familienbesuch in Neuseeland. Das wird schön! Mal sehen, ob ich da noch so viel zum Erzählen komme… 🙂 Viele Grüße!

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