Unterwegs im Bus

Busfahrer

Es wird Zeit, über öffentliche Verkehrsmittel zu sprechen. Es gibt sie auch in Neuseeland, aber irgendwie ist es nicht dasselbe. Profi-Reisende kaufen sich hier deshalb lieber gleich ein Auto und verkaufen es hinterher wieder. Also, wenn sie mehrere Monate hier sind. Ansonsten suchen sie auf Facebook nach Mitfahrgelegenheiten oder stellen sich zum Trampen an den Straßenrand. Weniger ausdauernde und besser betuchte Reisende mieten sich ein Auto, ein Motorrad oder gar ein Wohnmobil. Vereinzelt sehe ich außerdem unerschrockene Radfahrer, die ihr Gepäck in Anhängern hinter sich her ziehen. Aber es gibt auch ein paar Leute, die nichts von alledem tun. So wie ich.

Zu kleines Budget und zu viel Respekt vor Haarnadelkurven im Linksverkehr für Mietwagen, zu wenig Zeit zum Kaufen und Umgewöhnen. Trampen? Hm. Radfahren? Auf gar keinen Fall. Was bleibt, sind die öffentlichen Verkehrsmittel. Und nach dieser Einleitung wäre jetzt eigentlich zu erwarten, dass die Situation katastrophal ist. Aber das stimmt gar nicht: Es fahren gelegentlich Busse.

Damit komme ich von der Stelle und kann mich außerdem schön persönlich betreut fühlen. Man meldet sich vorher namentlich an und stellt sich dann beim Busfahrer vor, der sagt so etwas Nettes wie „excellent“, hakt den Namen auf seinem Klemmbrett ab und nimmt einem das Gepäck ab. Vielleicht funktioniert das in Deutschland mit den Fernbussen ähnlich, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass die deutschen Fahrer auch solche Geschichtenerzähler sind wie die hier.

Der kleine, irgendwie kastenförmige Fahrer heute im Bus von Nelson nach Picton ließ das Mikrofon die ganze Fahrt über angeschaltet vor seinem Mund; wenn er nicht redete, hörte man ihn so zumindest atmen. Aber er redete die meiste Zeit. Man kann sich nicht vorstellen, was alles zu einer Sehenswürdigkeit wird, wenn man es nur beschreibt.

Leute, wir fahren jetzt über eine Brücke, die ist nur einspurig, aus Gründen des Naturschutzes kann sie nicht ausgebaut werden. Aber wir haben Glück, es kommt gerade niemand von vorne, also fahren wir rüber.

Hier rechts sehen wir Kiefernwald. Der ist nicht einheimisch, es sind kanadische Kiefern. In Kanada brauchen sie 70 Jahre, bis sie geerntet werden können, in Neuseeland nur 25. Und da links seht ihr, dass nach der Rodung eines Kiefernwaldes neue kleine Bäume gesetzt wurden. So will es das Gesetz. Die Pflanzer kommen, fangen am Fuße des Berges an und arbeiten sich nach oben hoch.

Und hier drüben diese Grundschule, die hat eine besondere Art von Benefizveranstaltung für sich entdeckt: Sie machen hier jedes Jahr ein Rodeo. Echte Bullenreiter-Profis aus Australien und Neuseeland treten dort auf und verzichten auf ihre Gage. Und das Publikum darf es auch mal ausprobieren. Ich kann aus eigener Erfahrung sagen: Es tut weh, wenn man von einem Bullen fällt.

Jetzt kommen wir an einen Ort, der Pelorus River Scenic Reserve heißt, sehr beliebt zum Schwimmen, ihr werdet es gleich sehen, wenn wir über dir Brücke fahren: Das Wasser ist ganz klar. Viele Menschen kommen gerne zum Picknick her, da drüben gibt es auch ein Café. Ach ja, und außerdem wurde an dieser Brücke eine Szene für den ersten Hobbit-Film gedreht.

Diese kleine Siedlung hier heißt Havelock, sie nennt sich Grünschalmuschelhaupstadt der Welt. Das stimmt insofern, als nirgendwo sonst in Neuseeland so viele Grünschalmuscheln verarbeitet werden und es sie außerhalb Neuseelands nirgendwo gibt. Und guckt mal da links, dieser komische kleine Hügel dort: Das sind die Muschelschalen. Wind, Sonne, Wasser, Möwen bearbeiten sie, bis sie zu Dünger geworden sind. Und jetzt fahren wir über einen Berg, der 340 Meter hoch ist, und wir wollen hoffen, dass wir keinem anderen Bus begegnen, denn das könnte eng werden.

Die aufregenden Routen mit ihren Kurven, Steigungen, Abgründen und gefährlich engen Stellen waren schon gestern ein Thema, für den Fahrer des Busses von Marahau nach Nelson. Und noch während er erzählte, wie gefährlich das alles sei, bremste er scharf, weil ein Auto aus dem Gegenverkehr in unsere Spur kam. Und ich sag noch!, sagte er fast ungläubig. In drei Jahren des täglich viermaligen Hin- und Herfahrens sei ihm allerdings noch nichts passiert. Das sei der alte Trucker in ihm.

Überhaupt war dieser Busfahrer eher ein sehr persönlicher Erzähler. Den ganzen Sommer fährt er 12-Stunden-Schichten, wovon er aber in Marahau und dann noch einmal in Motueka insgesamt drei Stunden Pause hat, leider unbezahlt, erfuhren die Passagiere. Er erklärte auch noch eine komplizierte Wochenendregelung, aber das konnte ich mir nicht alles merken. Dann wechselte er das Thema: Leute, wer weiß, was hier rechts angebaut wird? Natürlich, die Deutschen im Bus: Hopfen. Richtig, der einzige Ort in Neuseeland, an dem Hopfen angebaut werde. Außerdem Kirschen und Äpfel.

Wer weiß, warum da weiße Stoffbahnen unter den Apfelbäumen liegen? Die Amerikaner hinter mir: Die reflektieren das Sonnenlicht, damit die Äpfel gleichmäßig rot werden. Sie gaben zu, dass ihnen das der Busfahrer auf der Hinfahrt verraten hatte. Ihr müsst euch besser absprechen, sagte ich, aber unser Fahrer meinte, sie seien einsame Cowboys. Würden sich so gut wie nie sehen. Für Absprachen keine Gelegenheit. Dann war rechts eine Seilbahn zu sehen, die seltsam tatenlos über einer Wiese hing, und es gab eine neue Geschichte zu erzählen (der Betreiber hatte Ärger mit dem Besitzer des Grundstücks und ist abgehauen).

Als ich heute in Picton ankam – nicht, ohne noch allerlei Wissenswertes über betrunkene Touristen auf Weinproben-Tour erfahren zu haben – gab es eine Premiere: An der Bushaltestelle sah ich einen älteren Herrn mit einem Schild in der Hand, auf dem mein Name stand! Sogar fast richtig geschrieben. Ich war begeistert. Umso mehr, als sich herausstellte, dass Russell, der Gastgeber meiner heutigen B&B-Unterkunft, früher selbst die Intercity-Busse gefahren hat. „Glaube nie den Geschichten eines Busfahrers“, sagte er, als ich von meinen Reiseerlebnissen erzählte. Die unglaubwürdigste Geschichte hab ich dann gleich bei ihm nachgefragt: Doch, die veranstalten wirklich ein richtiges Rodeo an dieser Schule.

Russell selbst hingegen… hat wohl mal einen Bus durch die Hawke’s Bay gefahren, als es gerade stark geregnet hatte und die Wiesen voller Wasser standen. Und er? Erzählte den Leuten, dies sei eine Fischfarm. Die Fische seien nach Größe sortiert. In dem flachen Gewässer seien die Flundern. Aber das haben Sie doch bestimmt am Ende der Fahrt aufgeklärt?, fragte ich ihn. Nein, sagte er, natürlich nicht. Damit ist klar: Es geht nicht nur darum, die Gäste zu unterhalten, sondern vor allem auch den Fahrer selbst. Sweet as, wie die Neuseeländer ständig sagen. Alles klar.

Hätte ich übrigens ein Auto gehabt, könnte ich jetzt noch in Marahau sein. Morgen früh dort losfahren und rechtzeitig an der 10.45-Fähre in Picton ankommen. Ich müsste zwar schon um sieben Uhr aufbrechen, denn um 10 muss ich einchecken, und für die 197 Kilometer werden 2 Stunden und 45 Minuten Fahrtzeit gerechnet. Dennoch: Ich hätte an der Tasman Bay noch zwei Tage entspannen können. Nicht so als Busfahrerin. Am Mittwoch musste ich schon mal los, von Marahau nach Nelson, um am Donnerstagmorgen den Bus von dort hierher zu kriegen. Später am Tag fuhr nämlich keiner mehr. Zwei Tage statt drei Stunden Anreise für die Fähre zurück nach Wellington. Aber wäre ich Auto gefahren, wüsste ich jetzt so viel weniger wissenswerte Dinge – wäre ja auch schade drum.

Fähre

2 replies »

  1. Hihi – selbst aus einer Busfahrt ne coole Geschichte gezaubert 🙂 Für mich sind deine Erzählungen immer eine kleine Flucht aus dem Alltag, mal eben kurz ein wenig amerikanische, thailändische oder neuseeländische Luft schnappen. Dankesehr Frl. Grankquist! Bin gespannt was da noch so alles kommt. Wenn ich es mir wünschen dürfte: Nepal würde mich mal reizen 😉 Viel Spaß noch!!!

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