Verbindungen

Was ich dachte, als ich endlich vor diesem kleinen Häuschen stand …

Cottage

… und auf die Straße guckte …

Briefkasten

… und nichts hörte und keinen Menschen sah und mich trotzdem beobachtet fühlte? Also, da dachte ich: Gut, dass ich hier darüber schreiben kann. In meinem Büro, das mich mit der Welt verbindet.

Alltags laufe ich seit einigen Jahren herum und vertrete die Meinung, dass all diesen jungen Leuten, die nie ohne Smartphone ganz allein unterwegs waren, entscheidende Erfahrungen fehlen. Aber jetzt gerade, wo es dunkel ist draußen und ich seltsame Geräusche höre und mir einreden möchte, dass bestimmt nur ein Vogel auf der Fensterbank sitzt und herumzappelt – jetzt gerade bin ich sehr froh über meine Verbindungs-Geräte.

Das W-lan zu überprüfen gehörte zu den ersten Dingen, die ich im Cottage gemacht habe, gleich nach dem Ertränken der Riesenspinne. Die war hartnäckig und sprang noch einmal wieder aus dem Abfluss heraus, nachdem ich mich schon sicher gewähnt hatte. Ich wollte sie nicht töten, und ich weiß, dass Spinnen im Prinzip faszinierende Wesen sind. Aber sie hatte mich so erschreckt – es war Notwehr.

Das W-lan läuft problemlos, nur Handy-Empfang gibt es keinen. Ich dachte, vielleicht unten im Ort, an der Tankstelle, wo ich schon nach dem Weg zu dieser Straße gefragt hatte. Und wo ich sowieso noch einkaufen wollte, schließlich hatte ich den ganzen Tag nichts gegessen außer I.s köstlichem Proviant-Creamcheese-Brot …

Brot

… und einer Tüte Chips, die ich mir an einer anderen Tankstelle, in Brunswick, gekauft habe. Als ich noch befürchtete, dass ich nie in Camden ankommen würde, weil ich die Route 1 nicht verstand und mich hin und wieder ein bisschen verfuhr. Ein Navigationsgerät hätte nicht geholfen, das habe ich schon mal probiert. Mir helfen Tankstellen.

In Brunswick hatten sie zwar keine Ahnung, wie man nach Camden kommt – „Ich bin aus Massachusetts, ich kenne mich in Maine nicht aus“, sagte mit großem Bedauern die tätowierte Frau hinterm Tresen. Ihr fehlte ein Schneidezahn, dafür hatte sie aber reichlich Kajal um die Augen verteilt. Sie ging ihren Chef holen, einen verrauchten älteren Herrn. Der wusste es auch nicht so recht und redete trotzdem viel. Er riet mir davon ab, den großen Maine-Atlas zu kaufen, der sei mit 20 Dollar zu teuer. Lieber sollte ich hier diese kleine Karte nehmen, 2 Dollar. Habe ich gemacht.

Drei Meter nach der Tankstelle sah ich dann das Schild, nach dem ich schon so lange sehnsüchtig Ausschau gehalten hatte: Rockland, 40 Meilen. Ab da war alles einfach. Und die Landschaft wurde Maine-ig. Ich habe während der Fahrt (in meinem schicken Miet-Honda) versucht zu fotografieren.

MaineIII

MaineI

Wasser und Wald und Berge – mir fällt gerade keine bessere Kombination ein.

Vielleicht das alles UND noch ein bisschen Handy-Empfang. Ich musste doch I. anrufen und ihr Bescheid sagen, dass ich zwölfeinhalb Stunden nach meiner Taxi-Fahrt endlich heile angekommen war. Deshalb also: zurück in den Ort, einkaufen und telefonieren. Ob es noch irgendwo eine Pizzeria gibt, die um acht Uhr abends geöffnet hat, vermochte die Tankstellen-Frau von Camden nicht zu sagen. Aber sie selbst hatte Dr.Oetker-Pizza im Angebot. Ich lehnte dankend ab und nahm lieber ein festliches Tankstellen-Abendbrot: Truthahn-Käse-Sandwich, Banane, Bier. What can I say, wie die Amerikaner sagen. Lecker.

Und dann Glück im Unglück: Ich hatte zwar auch im Ort keinen Handy-Empfang, aber der nette Eis-Lieferant, der gerade eine neue Ladung Ben&Jerry’s zur Tankstelle brachte, bekam mein Missgeschick mit und lieh mir prompt sein Telefon. Holte es sogar extra aus dem Lieferwagen.

Fast wäre I. nicht dran gegangen, weil sie die Nummer des Eis-Lieferanten natürlich nicht kannte. „Bin gut angekommen!“, sagte ich zu ihr und dann noch etwas mehr, auf Deutsch, erstaunt beobachtet vom greisen Senior der Tankstellen-Familie, der den Hof fegte. „Keine Angst, ist kein Auslandsgespräch, klingt nur so“, sagte ich ihm noch, wir lachten, weil ich seine Sorgen erraten hatte, dann gab ich dem Eismann das Telefon zurück und fuhr hierher. In das knisternde Haus.

Jemand hat in meiner Abwesenheit eine gelesene und mehrere Tage alte Gratis-Zeitung vor die Tür gelegt. Na, wer sagt jetzt noch, ich hätte mir nur eingebildet, dass ich beobachtet werde? Aber ganz nett, so als Begrüßung in der Nachbarschaft.

Kategorien:Auf Reisen

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1 reply »

  1. uiuiui, das klingt aber ein bisschen aufregend! Hast Du inzwischen jemanden getroffen – außerhalb der Ortschaft? Sieht auf jeden Fall sehr schön aus. Und Deine Texte zu lesen, ist sowieso eine Freude! Halt Dich wacker!

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