Enjoy the Show!

Innerhalb von drei Tagen habe ich mindestens 20 Menschen dabei zugesehen, wie sie auf einer Bühne stehen und zeigen, was sie können. Oder zumindest, was ihnen wichtig ist. Ich habe viele Lieder gehört (ganze Arien gar), einen James-Bond-Tanz gesehen, Klaviermusik von Schubert wurde gespielt, es gab Ukulele- und Gitarrenbegleitung zu heiterem oder höchst dramatischem Gesang. Und sogar eine professionelle Band.

Die Künstler waren zwischen 14 und 97 Jahre alt. Eine unglaubliche Vielfalt von Biografien, Lebenssituationen, Träumen und Erinnerungen. Etwas verband sie: Sie zeigten in ihren Momenten auf der Bühne etwas sehr Persönliches von sich – im Senior-Center an der Upper West Side in New York am Sonntag, und am Dienstag im Strand Theatre von Rockland, Maine.

In New York bedankte sich der JASA-Club mit seinem Konzert bei einem anderen Verein, der mit einem Benefiz-Flohmarkt 1600 Dollar für den Senioren-Treffpunkt eingesammelt hatte. Hier ist das Programm:

ShowprogrammJasa

Der schmucklose Saal bekam etwas Farbe …

Show-Deko

… I. und ihre Freundin R. hatten sich fein gemacht.

Feine Damen II

Und der erste Programmpunkt war das Mittagessen.

Lecker

Viel Papier und Plastik drum herum, das ist nichts, worüber sich hier jemand wundern würde. Höchstens im Stillen, so wie ich. Der Fisch war trotzdem höchst essbar. Neben mir hatte Ed, der Club-Präsident, einen gewissen Rick Bogart platziert. Ich traute mich nicht zu fragen, ob das sein wirklicher Name ist. Sowieso war ich ganz eingeschüchtert von seinem Schnurrbart. Er sei berühmt, ich könnte das im Internet nachsehen, sagte er auf meine Frage, was er denn so treibe.

Ich habe nachgesehen: ein Klarinettist allererster Güte! Aß aber auch ohne zu meckern mit Plastikbesteck. Beklagte sich stattdessen darüber, wie verklemmt die Amerikaner seien. Er persönlich sei ein großer Fan der Freikörper-Kultur, das käme, weil er halb in Barcelona aufgewachsen sei. Bevor er ins Detail gehen konnte, begann im hinteren Ende des Raumes die Show.

Sie war ein bisschen so, wie man sich das vorstellt. Und doch noch viel mehr. Ellen Chandler, die einstige Profi-Opernsängerin, bewegte sich auf dem Linoleum vor den teils immer noch essenden Zuschauern, als stünde sie auf der Bühne der Metropolitan Opera ein paar Straßen weiter Richtung Downtown.

JanetEllen

In ein Medley, das im Fußballstadion-Klassiker „You’ll never walk alone“ gipfelte, packte Ellen alles, was sie früher ausgemacht hatte: Sie war die Frau mit der goldenen Sopran-Stimme, die auf den großen Bühnen der Welt gestanden hatte. Ihr Auftritt verriet etwas von der Sehnsucht nach dieser Zeit, und damit auch etwas über das Älterwerden.

Herman

Der in Wien geborene Herman B. gehörte zu den ältesten Künstlern des Nachmittags. Er hat im Zweiten Weltkrieg gegen die Nazis gekämpft, im Februar feierte er seinen 90. Geburtstag. Und was macht er? Stellt sich auf die Bühne, mit Krawatte und Basballcap, und singt a capella den alten Hit „Old Man River“. In aller Bescheidenheit und mit viel Humor. Mit dem Käppi zeigt Hermann B. übrigens auf Hebräisch, dass er Fan des Baseballteams New York Mets ist.

Wie angekündigt war er noch nicht der Älteste. „She survived the Camps“, erzählt Moderator Ed über Emily K., und es wird still im Saal. Die 97-Jährige aus der Ukraine lächelt in die Runde, setzt sich mit ihrer Mandoline auf einen Stuhl und spielte russische Volksweisen. Ganz schlicht. Und alle sind gerührt. Ich glaube fast, sie hat den meisten Applaus bekommen.

Emily

Nun, ja, vielleicht außer Ed, den ja hier alle Frauen anschwärmen. Kein Wunder, charmant, wie er ist. „Don’t fall in love with her, she’s mine“, sagte er zum Beispiel zu Rick, als er uns miteinander bekannt machte. Auf der Bühne sang er sehr lässig „I Only Have Eyes for You“, begleitet am Klavier von Norma Nelson, die eigentlich die Küche des Clubs leitet.

Ed

Man sollte so etwas viel öfter machen. Sich von unbekannten Seiten anderer Menschen überraschen lassen. Diese hier waren sonst einfach nur Senioren, die zusammen essen.

An dieser Stelle endet der erste Teil der Geschichte. Sie wird fortgesetzt, denn das Benefiz-Konzert in Rockland, von dem ich aus der Gratis-Zeitung erfuhr, die mir der unbekannte Nachbar vor die Tür gelegt hatte, darf nicht unerwähnt bleiben.

PS: Mir ist aufgefallen, dass die Show in Rockland keineswegs unerwähnt bleibt, nicht zuletzt dank des vorangegangen und ebenso des einleitenden Absatzes. Das muss nun genügen, zusammen mit den ersten vier Fotos des Beitrags „Gute Aussichten“ und der ausdrücklichen Betonung meiner Einsicht, dass so ein Besuch der lokalen Talentszene ein Gewinn für jeden Reisenden ist.

Kategorien:Auf Reisen

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