Sonny

Sunny

Sonny ist ein alter Mann. Eigentlich heißt er Harold, aber so nennt ihn niemand. Seinem Gesicht ist anzusehen, dass er sehr viel Zeit draußen auf dem Meer verbracht hat, es hat Farbe und Falten. Sonny hört schon ein bisschen schlecht, er legt die Hand hinters Ohr, wenn er etwas nicht verstanden hat, zum Zeichen, dass sein Gegenüber es noch einmal wiederholen soll. Dieser alte Mann lebt auf der Insel Vinalhaven, eine gute Stunde braucht die Fähre vom Festland hier heraus.

Wie schon seit 65 Jahren ist Sonny früh mit seinem kleinen Boot rausgefahren, Lobster fangen. Ganz und gar üblich in Maine. Es war ein guter Fang, er ist zufrieden. Weil er weiß, dass die Hochsaison für den Hummer erst noch kommt. Man darf nicht zu viel verlangen. Auch deshalb nicht, weil er es etwas langsamer angehen lässt als früher. Sein Sohn hat täglich mehrere Hundert Fallen im Wasser, der hat vor kurzem erst eine Tonne Lobster aus dem Meer geholt – an einem Tag! Solche Rekorde sind nichts mehr für Sonny.

Seit 65 Jahren verkauft er seinen Fang täglich am Hafen, drei Vinalhavener sitzen dort, die mit Lobster handeln. Jetzt, gegen Mittag, ist Feierabend für Sonny. Er dreht eine Runde in seiner Straße. Beim Nachbarn gegenüber spricht er mit den beiden Tischlern vom Festland, die auf der Ladefläche ihres Trucks gerade ihre Mittagspause machen. Er kennt sie, seit Wochen bauen sie hier herum.

Hi, Sonny, wie geht’s Dir heute?, sagt der Ältere von beiden; natürlich, denn der Jüngere spricht fast gar nicht, das hat er längst bemerkt. Sag mal, sagt der Ältere und schraubt die Thermoskanne zu, weißt Du, wo hier das große Becken ist, das, wo es Wanderwege geben soll und Seehunde? Der alte Mann sagt: Willst Du etwa wandern gehen? Nein, sagt der Tischler, hier kam nur eben eine Frau vorbei, mit dem Fahrrad, und sie suchte das große Becken.

Sonny ärgert sich, dass er vorhin noch nicht hier war, denn natürlich hätte er der Frau sagen können, wie sie zu ihrem Ziel kommt. Und er wäre stolz gewesen, es zu tun, denn er weiß, dass das Becken etwas Besonderes ist. Wenn die Flut kommt, gibt es dort kleine Wasserfälle, die bei Ebbe wieder verschwinden. Das hat man nicht überall.

Gerade, als Sonny ersatzweise den Tischlern erzählen will, wo die Wanderwege sind, nämlich hinter der Brücke, am Ende des asphaltierten Weges, man kann sie gar nicht verpassen – da kommt die Frau den Hügel vom Friedhof mit Aussicht heruntergerollt. Der Tischler stoppt sie, der traut sich alles. He, komm zurück, ruft er, Sonny weiß, wo das große Becken ist! Und dann steht er vor dieser Fremden, die unbedingt wandern will. Er erklärt, sie nickt und lächelt, nickt und lächelt und sagt vielen Dank, dann winkt sie ihm und den Tischlern zu und verschwindet auf ihrem komischen Fahrrad.

Dass die Frau aus Deutschland kommt, erfährt der Alte erst, als sie schon um die Ecke verschwunden ist. Aus Deutschland! Auf Wiedersehen, Fräulein, Guten Tag, Fräulein: Das weiß er noch. Stuttgart fällt ihm ein und Mannheim und wie stolz die Deutschen auf ihre Wälder waren, sie mussten damals bei den Manövern extra aufpassen. Nicht den Wald kaputtfahren mit den Panzern, das war die Regel. Sonny fragt sich, ob die Frau wirklich den richtigen Weg genommen hat. Und er beschließt nachzusehen. Zur Sicherheit.

Er verabschiedet sich von den Tischlern und geht so schnell es ihm möglich ist nach Hause. Setzt sich in seinen alten Toyota, und Porsche und Mercedes fallen ihm ein. Stuttgart. Er muss nicht lange fahren, die Frau hat es noch nicht einmal bis zur Brücke geschafft. Er überholt sie, fährt rechts ran, steigt aus, sieht ihr entgegen.

Er bemerkt die Überraschung in ihrem Gesicht, aber das macht ihm nichts. Sie hält an und springt vom Fahrrad, und er fängt einfach an zu reden, wie es ihm einfällt. Ich habe gehört, Sie sind aus Deutschland. Ja, sagt sie, stimmt. Waren Sie schon mal da? Ja, sagt er, in Stuttgart, lange her, dann in Mannheim, zwei Jahre Dienst. Und weil sie weiter fragt, wie es ihm gefallen habe und solche Sachen, erzählt er auch noch das mit dem Wald und mit Porsche. Und sagt ein paar Worte auf Deutsch, das hat er seit 60 Jahren nicht gemacht.

Am Ende ist er der Überraschte: Die Frau will ein Foto machen. Von ihm. Sonny stellt sich auf und lächelt. Sie knipst. Beim Fotografiertwerden fällt ihm wieder ein, dass er die MAN-Mütze auf dem Kopf hat, und das zeigt er ihr dann: Deutsche Motoren, sehen Sie? Sein Lobster-Boot fährt mit MAN-Motor. Sie lächelt. Und, sind Sie zufrieden damit? Aber ja, sehr!, sagt er. Dieser hier läuft seit 14 Jahren ohne Probleme. Sehr schön, sagt die Frau.

Wie lange bleiben Sie hier?, fragt er dann noch, es interessiert ihn einfach. Sie meinen, hier auf Vinalhaven? Nur heute, leider, sagt sie. Das enttäuscht ihn. Mehr Zeit nimmt sie sich nicht. Eine Woche brauchen Sie aber mindestens für all die Wanderwege, sagt er. Er merkt, dass seine Stimme tadelnd klingt und lächelt schnell, zum Ausgleich. Es geht ihn ja doch nichts an. Ich weiß, sagt die Frau. Beim nächsten Urlaub nehme ich mir mehr Zeit. Ach ja?, sagt Sonny. Und dann ist klar, was er sagen wird, denn so gehört es sich und so meint er es auch: Dann kommen Sie mich besuchen, sagt er, ich wohne gegenüber von dem Haus, wo wir uns vorhin trafen. Vielen Dank, sagt die Frau, das werde ich machen.

Wird sie bestimmt nicht, denkt Sonny, und wer weiß, wann sie überhaupt wieder kommt. In zehn Jahren lebe ich vielleicht gar nicht mehr. Er sieht sie zum Abschied winken, dann steigt sie wieder aufs Rad und fährt davon. Diesmal in die richtige Richtung – weil er wusste, was die richtige Richtung ist. Sonny fährt nach Hause. Denkt noch ein bisschen an Deutschland. Lange ist das her. Und morgen früh wird er wieder Lobster fangen.

Lobstertrap

Lobster

VinalhavenII

VinalhavenIII

MainStreet

Vinalhaven

LobsterII

Kategorien:Auf Reisen

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