The Sound of Maine

Als ich noch in New York war und nachts wach lag, weil irgendetwas laut war, hatte ich mir eigentlich vorgenommen, etwas über den Sound von New York zu schreiben. Diesen Wahnsinn, von dem die Menschen dort behaupten, man gewöhne sich daran. In der einen Nacht wurde die Straße aufgerissen, in den nächsten in I.s Haus der Keller renoviert.

Man will offenbar das hohe Grundtempo der Stadt so wenig wie möglich bremsen, deshalb kann man störende Arbeiten nachts nicht einfach unterbrechen. Außerdem geht nichts ohne Klimaanlagen, in I.s Hof bildet ihr Klang das Grundrauschen. Etwa wie in einem Passagierflugzeug bei voller Fahrt. Sollen die Leute doch woanders schlafen, denken sich die New Yorker.

Ich schlafe jetzt in Maine. Und zwar richtig. Von dem ebenfalls schon ruhigen, aber noch kleinstädtischen Camden bin ich weitergezogen nach Brooksville – ein Ort, der als solcher kaum zu erkennen ist. Es ist eher eine Landschaft, in die ein paar Häuser verteilt wurden. Der schönste Teil von Maine, sagte mir gestern Eliot. Und er muss es wissen, denn er hat sich diese Gegend 1968 von allen Gegenden der Welt ausgesucht, um hier ein neues Leben zu beginnen.

Vielleicht hat er sich auch erst einmal hingesetzt und die Wolken beobachtet. Und vielleicht hat er gemerkt, dass der Himmel hier irgendwie mehr Platz hat als anderswo.

Wolken

Vielleicht ist er auch abends nach dem Dunkelwerden noch einmal vors Haus gegangen und hat überrascht festgestellt, dass die Luft glitzert. Ich habe das eben gemacht. Es müssen Glühwürmchen sein. Magisch. Ein magischer Trost auf dem Weg zum Kompostklo 20 Meter weiter hinten in der Dunkelheit.

Klo

Neben Glühwürmchen leuchtet aber auch noch die Taschenlampe. Und ich bin weit davon entfernt, mich zu beschweren. Dieser Ort ist etwas Besonderes. Mit all seinen Konsequenzen. Zuerst hörte ich nur den Motor meines Autos und den Regen auf dem Autodach, gestern, auf den kurvigen Straßen, hügelauf und hügelab auf dieser Halbinsel. Dann hörte ich Stimmen und Geklapper aus der Bäckerei, meinem Ziel. Ein junger Typ tauchte aus der Gruppe von backenden Menschen auf und stellte sich als Cameron vor. Cameron zeigte mir meine Hütte.

Wohnzimmer

Als nächstes hörte ich das Knistern von Feuer im Kamin.

Feuer

Mein Feuer, selbstgemacht! Ich war schon lange nicht mehr so stolz, ist ja klar. Feuerknistern und Regen auf dem Dach. Dann Regen und Sturm. Als nächstes Vögel: Die Nacht war zu Ende, ich hatte geschlafen, dem Sturm zum Trotz. Der Regen war auch zu Ende. Vögel, Windrauschen in Blättern, die Stimme meiner Vermieterin, die mich für Montag zum Essen einlädt und mir sagt, dass ich Glück hatte gestern beim Pizza-Abend in der Bäckerei.

pizzabäcker

Weil ich bei Eliot und Barbara saß.

Pizza

Das fand ich sowieso, weil es eine schöne Begegnung war und die beiden ihren selbst mitgebrachten Weißwein mit mir teilten – ich hatte keinen dabei, weil ich die Gepflogenheiten nicht kannte. Und mir war auch halbwegs klar, mit wem ich dort nett redete – ein bisschen hatte ich über die Gegend vorher gelesen. Wenn es so etwas gibt wie Biolandbau-Promis, dann sind das zwei ganz große.

Eliot war 1968 als einer der allerersten Ökos überhaupt hierher gekommen. Und Barbara hat in der Washington Post wöchentlich eine Kolumne über ihren Gemüsegarten. Ich habe die Hoffnung, dass ich die beiden auf ihrem Hof besuchen darf. Meine Vermieterin ist zuversichtlich. Öko-Promitalk gehört auf jeden Fall zu Maine.

Außerdem die Laute von Schafen, Kuckucks, Zikaden, Fröschen. Mücken. Möwen. Krähen. Und von Vögeln, auch von solchen, die es allerhöchstwahrscheinlich bei uns nicht gibt. Sie machen stimmungsvolle Schnalzgeräusche, gesehen habe ich sie nicht. Schüsse erscheinen auch mal in der Geräuschkulisse, gegen sieben Uhr heute Abend unterbrachen sie das friedliche Gequake. Es klang nach Jagd.

Und die Ukulele ist ein Maine-Sound, eine kleine Geschmacksprobe gab es bei der Talentshow in Rockland Anfang der Woche. Montag bekomme ich eine Probestunde bei meiner Vermieterin, die Lake heißt. „I’m staying at Lake’s place“, habe ich heute zweimal zu Leuten gesagt, damit sie mich einordnen konnten. Wie vermutet kannten die Leute sie und lächelten erfreut, weil sie mich als ihren Gast zuordnen konnten.

Bei den lächelnden Lake-Kennern handelte es sich erstens um die Verkäuferin im Buck’s Harbour Market, dem Alles-Laden vier Meilen von hier, der unter anderem kalifornischen Wein für 22 Dollar die Flasche führt. Und zweitens um ein älteres Ehepaar, das mit seinem Auto neben meinem angehalten hatte um zu fragen, ob ich Hilfe bräuchte. Ich war stehen geblieben, um nach einem Parkplatz zu gucken, von dem aus ich die Aussicht auf die Bucht in Ruhe bewundern könnte. Die beiden Leute im Auto schickten mich runter zum öffentlichen Bootsanleger von Brooksville. Gerade rechtzeitig zur beginnenden Dämmerung.

Town Landing

Pen Bay

Jetzt höre ich nur noch Frösche und Zikaden und das Summen des Kühlschranks. Die Musik aus Lakes Haus hat aufgehört. Vor drei Stunden ist das letzte Mal ein Auto vorbei gefahren. Vielleicht hatte ich mir ein bisschen Sorgen gemacht, vor meiner Anreise, ob dieser Ort zu abgelegen sein könnte. Aber jetzt nicht mehr, dafür sind Sound, Leute und Aussichten zu gut.

Kategorien:Auf Reisen

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