Das Kind kauft sich einen Kaffee

Ich kaufe mir auch einen Kaffee, sagt meine Nichte und läuft los. Barfuß, ohne sich umzugucken. Meine Nichte ist zwei Jahre alt. Sie lässt Eltern und Tante auf dem Spielplatz sitzen, als sei das ganz normal. Schwer zu sagen, ob sie spielt, dass sie Kaffee kaufen geht, oder ob sie glaubt, dass sie dazu in der Lage ist. Es sieht so aus, als habe sie keine Zweifel.

Dann legt die Tante ihr ein Hindernis in den Weg: Hast du Geld dabei?, rufe ich ihr hinterher. Prompt verzögert sie ihr zuvor so entschiedenes Tempo. Dreht sich zu uns um, ein kleines bisschen verlegen. Denkt nach. Für Kaffee brauchst du Euros, sage ich. Da kommt sie zurückgelaufen, direkt auf mich zu. Ich brauche Euros!, ruft sie. Ich gebe ihr zehn Cent und sage, dass ich mitkomme zum Café. Sie hat nichts dagegen.

Wir laufen beide barfuß. Auf dem Weg liegen viele kleine Steinchen. Pikst, sagt meine Nichte. Willst du auf dem Gras laufen?, frage ich: Ja, das will sie. Pikst nicht, sagt sie und grinst mich an. Ich sehe, wie der alte Mann auf der Bank zu uns herüber lächelt. Er sitzt da mit seinem Bier und sieht nicht so aus, als sei sein Tag bisher besonders lustig gewesen. Aber ein kleines Kind, das mit großem Ernst einen Coffee-to-go kaufen geht: Da freut er sich. Und ich mich mit ihm.

Im Café nehme ich meine Nichte auf den Arm, damit sie an der Theke bestellen kann. Plötzlich ist sie ganz schüchtern. Wir gehen einen Schritt zur Seite und besprechen uns. Was wolltest du nochmal hier?, frage ich. Kaffee kaufen, sagte sie. Gut, das sagst du jetzt einfach dem Mann. Sie hält ihm die zehn Cent hin und sagt strahlend: Ich hab Euros! Das mit dem Kaffee erkläre ich ihm, wir einigen uns auf Milchschaum mit Kakaopulver, das nennen sie Baby-Macchiato. Mit den zehn Cent kommt sie hin.

Sie strahlt, als sie den Becher bekommt. Fasst ihn an. Informiert mich: Ist noch heiß. Ich trage den Becher und das Kind, denn auch der Bürgersteig ist heiß, zu heiß für nackte Kinderfüße. Da vorne sind ihre Eltern. Ich habe Kaffee gekauft!, ruft sie schon von Weitem.

Kategorien:Im Alltag

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4 replies »

  1. Das muss ein tolles Kind sein! Und eine tolle Tante, die ihre Nichte so ernst nimmt und all die Dinge tut, die Tanten tun sollen! Vielen Dank.

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