Kirmes!

Elf Erwachsene sitzen an der Kaffeetafel. Zwei Kleinkinder laufen drum herum. Hin und wieder werden sie abrupt von einem im Weg stehenden Möbelstück ausgebremst, weinen und werden getröstet. Es gibt Kaffee, Tee und Apfelkuchen. Gemütlich.

Aber es ist August. Wer braucht gemütlich? Wärme, Licht, trockenes Gras unter den Füßen, Auslauf und Leichtigkeit: So hätte es sich eigentlich gehört, an diesem Tag, an dem Freunde aus Wien, Kapstadt und Berlin in das kleine Dorf gekommen sind. Für einige von ihnen war dieses Dorf der Ausgangspunkt ihres Lebens. Für Marc ist es ein Ort, der immer gleich aussieht. Egal, zu welcher Jahreszeit er bislang hier war: Das Wetter war immer Mist.

Marc ist Schweizer, aber er lebt in Kapstadt. Mit Tanja, die von hier kommt und mit der ich zur Schule gegangen bin. Tanja hat heute Geburtstag. Deshalb sind auch ihr Bruder und ihre Schwägerin aus Berlin hier. Und meine Eltern und Schwester, Schwager, Nichte. Familien- und Freundestreffen bei Tanjas Mutter, eine Seltenheit, wegen Kapstadt.

Im Dorf ist Kirmes. Es regnet. Trotzdem werden wir uns nach Stunden an den Kaffeetassen einig, dass wir hingehen wollen. Uns dürstet nach Luft und Bewegung.

SpaziergangRegen

Gibt es etwas Tristeres als eine schlecht besuchte Kirmes im Regen? Jetzt kommt es darauf an, sich davon nicht beeindrucken zu lassen. Und siehe: Das geht ganz gut. Man muss nur genug Leute dabei haben, die fest entschlossen sind, sich zu amüsieren.

Wir teilen unsere Erinnerungen an früher, als wir ganze Nachmittage an einem Fahrgeschäft namens „Raupe“ standen. Versunken im pubertären Ausnahmezustand, neugierig darauf, wer mit wem während der Fahrt unter dem alles verbergenden Stoff-Verdeck landen würde.

Die Raupe gibt es nicht mehr. Stattdessen bestaunt das Nichtlein, komplett im Regenkostüm, eine Art Schiffschaukel, die mit riesenhaften Pin-Up-Girls bemalt ist und in der ein paar Teenager so tun, als wären sie eigentlich zu cool für das Vergnügen. Auf dem Kassenhäuschen steht: First Class Entertainment Control Center.

Klein-E. wird von diesem First Class Entertainment unauffällig zur Kinder-Achterbahn gelotst, die eigens für sie angeschmissen wird. Nach der ersten Runde im Feuerwehrauto sagt sie, an uns vorbei fahrend: Ich will raus. Es klingt entschlossen. Als sie das nach der zweiten Runde immer noch sagt, bitten wir den lethargischen Betreiber, seinen Amusementpark anzuhalten. Günstig, dass sie der einzige Fahrgast ist.

Tanjas Onkel, vor 60 Jahren nach Österreich ausgewandert, kauft sich ein paar heimische Kartoffelpuffer mit Apfelmus. Mein Schwager steht plötzlich mit Bratwurst in der Hand da, und mein Vater besieht sich die Szenerie lächelnd unter seinem Souvenir-Regenschirm aus Rüdesheim am Rhein. Beautiful Germany, steht darauf zu lesen. Yes, very beautiful, indeed.

Die Kinder haben viel Platz zum Laufen, so wenig ist hier los. Sie laufen zum nächsten Karussell. Meine Nichte darf es noch mal versuchen. Ihr Vater bewacht den Flug seiner Tochter und sieht ein bisschen so aus, als wollte er sich zum Mitreisen bewerben. Da muss ich an Margaretville denken, an den 4. Juli, das schöne Wetter, das Riesenrad, das Feuerwerk. Das war auch nicht schlecht. Aber nur hier ist die Familie.

Karussell

Klein-E. kommt stolz und glücklich aus dem gelben Karussell-Flugzeug. Sie nennt es Fugläuf, eines der wenigen Wörter, die sie stoisch weiter in ihrer eigenen Sprache spricht. Dann verteilt Marc unter den anwesenden Erwachsenen Chips für den Autoscooter. Heimlich gekauft! Sogar meine Mutter fährt mit, dann kann ich leider nicht kneifen.

Das letzte Mal bin ich mit meinem Vater gefahren. Dürfte mehr als 30 Jahre her sein. Und ich hatte es ganz richtig in Erinnerung: Das ist nichts für mich. Ständig will ich bremsen, ausweichen und Zusammenstöße verhindern – ein humorloser Reflex, der nirgendwo so schlecht passt wie in einem Autoscooter. Nach einem besonders krassen Zusammenstoß mit Marc und Tanja fange ich fast an zu weinen, gehe vom Gas, lenke das Ungeheuer an den Rand und steige aus. Ich sehe meine Mutter fröhlich ihre Runden drehen. Geselle mich zu Klein-E., die am Rand bei Opa sitzt und verständnislos auf die Randale blickt. Neben ihr staunt Mini-M., die Tochter der Kapstädter, über ihre wild gewordenen Eltern. „Oh, oh“, sagt sie.

Abenteuer bestanden, ab an die Bratwurstbude! Wieso ist es so schön, in der frittierten Luft zu stehen und mittelmäßige Pommes Frites zu essen? Wegen der Leute. Familie, selten gesehene Freunde, Kinder, Kirmes, Regenschirme. Mehr Reibekuchen für den Onkel aus Österreich. Marc kauft noch Zuckerwatte für alle. So ist es gut.

Die von Klein-E. verschmähte Kinder-Achterbahn ist schon unter ihren Schutzhüllen verschwunden, als wir schließlich aufbrechen. Wir gehen an noch offenen, aber unbesuchten Buden vorbei. Schon in Margaretville war ich mir mit dem Franzosen Romain und dem Amerikaner Robert darüber einig geworden, dass wir niemanden kennen, der Paradiesäpfel kauft. Und wie man die überhaupt essen soll. Und wozu. Es gibt sie überall, auch hier im Dorf. Und das ist doch wieder traurig: Der Mann steht in seiner Bude und niemand kauft ihm etwas ab. Ich hoffe für ihn, dass er noch andere Kirmessen vor sich hat, bei besserem Wetter.

Wir stapfen nach Hause. Unter Regenschirmen. Von wegen Wärme und Licht. Aber Auslauf haben wir jetzt gehabt. Und Glücksmomente in der Tristesse.

Im Regen

3 replies »

  1. Oh ja, ich war dabei, ein herrliches Vergnügen trotz Regen, eben die richtigen leute dabei, dann kann man sich auch auf einer „Kirmes“ vergnügen, der nassen Augusttristess ein Schnippchen schlagen, sich an strahlenden Kinderaugen erfreuen. Es kommt halt immer auf die Perspektive an…

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