Menschen vorm Café

Die Sonne hat eingeladen, fast im Befehlston: Leute, letzter warmer Sonntag in diesem Jahr, hier geht’s lang! Deshalb ist alles voller Menschen – kein Wunder, aber trotzdem schön. Wie alle gleich sind darin, rauszuwollen an so einem Tag.

Vor dem kleinen Café sitzen sie. Zum Beispiel: zwei Männer und eine Frau. Ein Pärchen mit Single-Freund. Er erzählt von einem Tipp, den er bekommen hat. Münster könnte ihm gefallen, habe man ihm gesagt. Ja, Münster ist schön, bestätigt der Pärchen-Mann, fahr doch einfach mal hin. Aber der andere ist skeptisch: Wenn ich vor dem Bahnhof stehe, weiß ich doch gar nicht, wohin ich gehen muss. Ich kenne mich doch überhaupt nicht aus. Dazu die Menschenmassen. Ich kann Menschen nicht leiden. Kokettes, vielleicht auch verzweifeltes Lachen. Versuchsweise tröstliches Lachen bei den beiden Gesprächspartnern. Nein, sagt der Mann, ich bleibe lieber in meiner vertrauten Umgebung.

Eine Frau sitzt allein. Sie war im Sinfonie-Konzert, vor ihr liegt das Programmheft. Konzert am Sonntagmorgen, und danach noch ins Café: Sie könnte stolz auf sich sein. Trotzdem fährt sie den Kellner an, er soll endlich das schmutzige Geschirr von ihrem Tisch abräumen. Der Kellner ist ein junger Spanier mit mageren Deutschkenntnissen. Peinlich berührt wegen seines Versäumnisses schafft er Ordnung. Als er ihr den Cappuccino bringt, verbeugt er sich fast.

Zwei Tische weiter sitzt noch eine ältere Frau. Ohne die Umgebung zu beachten, liest sie eine Zeitung. Ganz unmürrisch, selbstvergessen.

Ein kleiner Junge nähert sich, Fahrradhelm auf dem Kopf, aber ohne Fahrrad. Er weint. Alle zwei Schritte dreht er sich kurz um. Es folgt ihm aber niemand. Er ruft, Trotz in der Stimme, „Tschüs, Papa!“, stellt sich an einen Mauervorsprung und lugt um die Ecke. Wie lange, bis er erlöst wird?

Ein Paar erscheint, arrivierte Leute mit spätem Baby im Kinderwagen. Sie setzen sich zu Fremden an den Tisch, beachten sie aber nicht weiter, sondern unterhalten sich miteinander. Das Baby sitzt und sieht seinen Eltern bewundernd beim Reden zu. Es tut keinen Mucks. Die Eltern reden und reden. Nicht die Sorte Gespräch, bei der es darum geht, das Wetter oder den Kuchen zu kommentieren. Sie diskutieren ein naturwissenschaftliches Problem, der Grundton ist heiter. Kein Wunder, dass ihr Baby sie anhimmelt.

Das Pärchen mit dem traurigen Single-Mann vor sich gibt auf. Man verabschiedet sich, ohne ihn von der Existenz des Glücks überzeugt zu haben.

Da wird der Junge mit dem Fahrradhelm gerettet. Seine Schwester kommt angelaufen, wedelt mit einem Zehn-Euro-Schein und macht sich daran, seine Schmoll-Mauer zu durchdringen. Was ist denn los?, fragt sie. Er druckst noch etwas herum, dann sind sie weg.

Die Konzertbesucherin zahlt und bricht auf – wohin wohl? Vielleicht geht sie nach Hause zu ihrem Mann, der heute ausnahmsweise nicht mitkommen konnte, weil er mit Windpocken darniederliegt.

Die Frau mit der Zeitung liest immer noch. Still und fast unbeweglich, der Kaffee ist längst getrunken. Sie wird am Ende jeden Buchstaben beachtet haben. Da kommt von rechts der Junge mit dem Fahrradhelm zurück. Zusammen seiner Schwester. Und seinem Vater. Sie essen Eis, alles ist gut.

Café

1 reply »

  1. Liebe Frau Grankquist. Oh ja, dieser Sonntag war ein Traum – auchvon drinnen betrachtet! Und die stille Beobachterin saß zwischen all den glücklichen, unzufriedenen und selbstvergessenen Menschen und überlegte zwischen kleinen Schlucken Milchkaffee, in welchem Café welcher Stadt sie wohl im nächsten Jahr um diese Zeit sitzen wird. Ich jedenfalls bin sehr gespannt!

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