Grünspan und Entendreck

Kuchen

Es stürmte immer noch und regnete seitwärts, als wir am Waitangi-Tag aufwachten. Damit war die Sache klar: Wir bleiben zu Hause. Carmen trug ihren kleinen Regenschirm auch drinnen mit sich herum, obwohl Maddy meinte, dass das Pech bringt. Nicht bei Menschen unter fünf Jahren, beschloss ich schnell, und diese Regel wurde allgemein akzeptiert.

Wir blieben im Haus, aßen meinen Willkommenskuchen und ließen die Zeit verstreichen. Eine Art Urlaub, die ich alleine nicht hinkriegen würde. Nur da sein. Kochen, essen, Kaffee trinken, reden, spielen, Hühner füttern (Vicki), Eier einsammeln (die Kinder), ums Haus laufen und gucken (ich), dem Wind im Kamin zuhören.

Das stürmische Wetter, das nach meiner Ankunft drei Tage anhielt, machte dieses kleine Haus zu einer Insel, auf der nichts und niemand etwas von uns verlangte außer uns selbst. Eine ziemlich reduzierte Realität. Ich fühlte mich, als hätte ich Schulferien. Dazu passte zufällig sehr gut ein Geschenk, das ich für Maddy mitgebracht hatte: „Silas“ auf DVD.

Wer in den 80er Jahren Kind in Deutschland war, wird sich erinnern: Patrick Bach als kleiner Freigeist auf einem großen Pferd. Wie ein Berserker reitet er im Vorspann einen Strand entlang. 1981 liefen die sechs Folgen als Weihnachtsserie im ZDF, und jeder, den ich kannte, hatte sie gesehen. Gut 33 Jahre später sitze ich in Neuseeland und kriege die Synthiepop-Titelmelodie nicht aus dem Kopf. Ich weiß wieder ganz genau, warum Silas Kinder glücklich gemacht hat. Ich habe es an Maddy und Carmen gesehen – und mich erinnert.

Silas hat keine Angst vor Erwachsenen. Er lässt sich nichts vorschreiben. Er tut immer, wozu er Lust hat – und bleibt mutig, wenn das gefährliche Folgen hat. Denn er hat nicht viele Ansprüche außer dem, frei zu sein. Außerdem ist er ein sehr guter Freund und sogar den Menschen gegenüber nachgiebig, die ihm nichts Geringeres als den Tod wünschen.

Es wird in Silas‘ Welt wie verrückt geflucht und gedroht – ich konnte nicht alles übersetzen, es wäre zu brutal gewesen, fand ich. Und sein Lieblingsausdruck „Grünspan und Entendreck“ blieb unerklärt, weil mir dazu auf Englisch nichts einfiel. Aber die Mädchen verstanden auch so. Ihre Augen leuchteten, wenn Silas mal wieder einem bösen Erwachsenen entkommen war und auf seinem schwarzen Pferd in die Freiheit galoppierte.

Freiheit, Selbstbestimmtheit, Unabhängigkeit: Kinder zwischen drei und neun haben doch vermutlich noch nicht viel über solche Dinge nachgedacht. Und trotzdem berührte es sie sehr, diese Werte verteidigt zu sehen. Wenn es spannend wurde, lehnte sich Maddy an mich, wenn die Gefahr vorüber war, gab sie sich wieder cool: „Ich weiß ja, dass Silas nichts passieren wird. Er ist schließlich die Hauptperson.“

Woher sie weiß, wie das läuft? Nun ja: Erfahrung. Sie ist vermutlich die belesenste Neunjährige der Welt. Schon mit sechs hatte sie alle Herr-der-Ringe-Bücher vorgelesen bekommen. Harry Potter ist nur einer von vielen für sie. Sie verlässt nie ohne ein Buch das Haus – anders als mir früher wird ihr nicht schlecht, wenn sie bei Autofahrten liest. Einen 300-Seiten-Kinderroman, den wir gestern in Auckland in einem Antiquariat gekauft haben, hatte sie heute bereits zu Ende gelesen.

Buchhandlung

Carmen bekam bei der Gelegenheit „Wo die wilden Kerle wohnen“. Insgesamt trugen wir, literarisch berauscht, neun Bücher aus dem Laden. Supererfolgreiches Shopping! Zur Belohnung fuhren wir die Aussicht über Auckland bestaunen und die wieder erstarkte Sonne genießen, bevor wir uns in Devonport ein dickes Eis kauften. Und wir beschlossen, dass wir uns in diesem herrlichen Städtchen am Meer zwei nebeneinander liegende Holzhäuser mit Veranda, Erkern und Türmen kaufen werden, wenn wir die Millionen erstmal beisammen haben. Dann fuhren wir über viele grüne Hügel zurück nach Hause, zur nächsten Silas-Folge.

Devonport

Café

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