Die Bienenhüterin

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Es ist etwas besonderes, die Welt durch den Schleier eines Imkerhutes zu sehen. Ich fühle mich geborgen und abenteuerlustig zugleich. Etwas auf Abstand zur Umgebung und trotzdem mittendrin. Durch das Sicherheitsnetz beobachte ich meine coole neuseeländische Schwester und ihre 10000 Bienen. Ein großer Bienenstock habe etwa 20000, sagte sie, ihrer sei etwas kleiner. 10000 Bienen finde ich beeindruckend genug. Und die kommen mit einer einzigen Königin aus!

So einen Bienenstock persönlich kennen zu lernen, ist viel besser, als sich mit Fernsehbildern zu begnügen. Ich bin aus irgendeinem Grund schon oft zufällig auf Filme gestoßen, in denen zu den Bildern eines arbeitenden Bienenvolkes mit ernster Stimme von einem Wunder der Natur gesprochen wird. Ich habe das meist ungerührt als gegeben hingenommen. Honig war immer schon super, aber Bienen habe ich bisher auf Abstand gehalten, buchstäblich und emotional.

Jetzt lässt mich Vicki mal gucken. Ich bekomme einen Ganzkörper-Blaumann mit Loch am Knie, das ich mit zwei Wäscheklammern abdichte. Vickis Anzug ist weiß, und sie zündelt an einem lustigen Gerät, das, wie ich gerade ergoogelt habe, auch auf Deutsch Smoker heißt. Der Raucher also. Es flößt mir sofort Respekt ein, sie so selbstverständlich damit umgehen zu sehen. Sie steckt ein paar trockene Maisblätter an, die vor sich hin qualmen, währen wir unsere Imkerhüte aufsetzen und die Schleier bienensicher festbinden. Ich bekomme Vickis Handschuhe – sie trägt einfach keine. Kein Problem, sagt sie, die tun meistens nichts.

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Der Bienenstock steht außerhalb des Gartens am Zaun, unter Pfirsichsträuchern. Mit dem Smoker dampft Vicki ihn etwas ein. Und ich darf es auch mal ausprobieren. Ziel: Die Bienen sollen zur Beruhigung Honig essen und also quasi mit Nuckeln beschäftigt sein, während wir uns ihr Haus näher ansehen. Es sind zwei kleine Kästen übereinander, nach einer europäischen Methode aus dem 19. Jahrhundert gebaut, erzählt Vicki. Sie wollte gerne etwas anderes haben als die großen, flachen Kistenstapel, die heute üblich sind.

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Sie öffnet das Dach, stellt die obere Kiste zur Seite, und ich denke gerade schon: Oh, viele Bienen. Da zieht sie einen Rahmen aus der unteren Kiste, und ich staune mit offenem Mund. Gut, das ein Schleier davor ist. Es kreucht und fleucht wie verrückt, alle Bienen sind superbusy. Ich weiß, dass ich das schon oft auf Bildern gesehen habe, aber in echt ist es toller.

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Vicki macht mich auf kleine, weiße Larven aufmerksam, die in einigen der Zellen liegen: Bienenbabys, sagt sie. Kleine, weiße Larven finde ich normalerweise ekelig, aber jetzt muss ich an Biene Maja und Willy denken, wie sie frisch aus ihren Zellchen schlüpfen und die Welt entdecken: niedlich.

Vor zehn Tagen hat Vicki aus der zweiten Kiste sechs von acht Rahmen rausgenommen, weil sie fertig waren – also: voll von herrlichstem, süßestem Honig. Kiloweise. Sie hat leere Holzrähmchen zurückgesteckt in den Bienenstock, und jetzt bewundern wir die Tiere für ihre Arbeit. Sie haben perfekte, noch weiße Waben geschaffen, einige noch in der Bauphase. Und doch leuchtet schon golden der Honig darin. Hier war das Volk schneller als seine Königin: Hätte sie Eier reingelegt, wäre kein Platz gewesen für Honig. Ich weiß, die Eier sind wichtig. Aber dieses weiße, honiggefüllte Meisterstück der Ingenieurskunst ist doch wirklich zu schön. Ich freue mich, dass die Arbeiterinnen schneller waren.

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Wir suchen noch nach transportsicheren Gläsern, dann darf ich am Ende Honig mit nach Hause nehmen. Dafür haben wir glücklicherweise fast vier Wochen Zeit: Gerade ist die zweite Hälfte meiner Reise angebrochen. Und ab morgen bin ich erstmal wieder alleine unterwegs.

Wenn wir nicht verschlafen, fährt mich Matt um 7 Uhr in die Stadt, wo ich in einen Bus steigen werde, der mich nach Wellington bringt. Das soll gut elf Stunden dauern. Der Weg ist das Ziel, und die Stadt auch – aber nur vorübergehend, denn am meisten freue ich mich auf eine Lodge in den Weiten der Marlborough Sounds, ganz oben auf der Südinsel. Die Lodge erreiche ich nur mit einem Postboot, das wiederum nur mit einem weiteren Bus, den erst nach der Überfahrt mit der großen Fähre. Ich fahre also schonmal los, damit ich am Dienstagmorgen um halb zehn in das Postboot einsteigen kann. Es ginge schneller, aber langsam ist besser, finde ich.

4 replies »

  1. Hallo nach NZ, ich muss Ralf recht geben, tolles Outfit, die Wäscheklammern finde ich am besten.
    Viel schöner aber finde ich das entspannte Lachen unter der „KOPFHAUBE“, scheint wirklich Spaß zu machen.
    Nach verschiedenen Bienenstichen, die ich selbst erlitten habe, hätte ich nicht den Mut gehabt.
    Von meinem Mann darf ich Ihnen Ihnen ausrichten, dass er als NZ- Fan Ihre Geschichten gerne liest und das Fernweh aufs Neue erwacht ist Wir wünschen beide noch recht viele fröhliche Abenteuer und Experimente. und noch viele Berührungen mit dem entspannten und naturverbundenen Lebensstil der „Kivis“.

    Ihre Gerda und Ehemann Josef

    • Danke sehr, freut mich, dass Sie meine Geschichten gerne lesen. Und wegen der Bienen: Die Wäscheklammern waren die einzige weiche Stelle, und auf die habe ich gut aufgepasst. Es konnte wirklich nichts passieren. 🙂

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