Ich muss Probleme lösen

Havelock

Hin und wieder rollen Trucks voller riesiger, nackter Baumstämme vorbei, dann geht das Gezirpe kurz im Motorenlärm unter. Ansonsten klingt es, als säße ich mitten im Wald – dabei ist es die Veranda des Havelock Hotels. Und das liegt an der Hauptstraße nach Nelson. Ich bin froh, dass ich hier sitze, denn es bedeutet, dass ich meine vorübergehenden Reisesorgen aus der Welt geschafft habe. Jetzt habe ich ein Hotel für mich allein. Außerdem scheint die Sonne, und morgen nimmt Postmann Jim mich mit zur Nydia Bay. Alles keine Selbstverständlichkeiten.

Ich hatte vor meiner Ankunft ein Zimmer im Bluemoon-Hostel reserviert. Obwohl ich ahnte, dass Hostels nicht die richtige Umgebung für mich sind. Dachte aber: Sind nur zwei Tage, kostet nicht so viel und wird schon passen. Aber dann gefiel es mir überhaupt nicht. Überall hingen unfreundliche Schilder mit Informationen, wie ich mich zu benehmen habe. Geschirr gefälligst selber abwaschen! Kein Essen auf Hostel-Tellern im Kühlschrank lagern! Keine Schuhe im Haus! (Aha, der Küchenboden klebt.) Essen immer beschriften, sonst wird es weggeschmissen! Ich fühlte mich nicht willkommen.

Und dann die vielen jungen Leute! Hehe, ich werde alt. Aber wie jeder weiß, leben auch die nettesten 20-Jährigen – besonders auf Reisen – nun mal in einer Welt für sich. Und zwar in einer, die ich längst verlassen habe. Dass ich derzeit wie sie mit einem Rucksack durch die Gegend fahre und mein Glück suche, hat damit nichts zu tun. Es ist nicht dieselbe Art Glückssuche, wenn die 20er schon 20 Jahre her sind.

Deswegen hatte ich ja auch ein Zimmer für mich allein gebucht. Die dafür benutzen Doppelzimmer waren aber schon alle mit Paaren belegt. Ich sollte nun in einem kleinen Schlafsaal übernachten, alleine natürlich. Ich finde, es gibt nichts Ungemütlicheres als einen Raum voller Etagenbetten. Außerdem war das Gemeinschaftsbad nicht abschließbar, bis auf die Klokabine darin, aber das interessierte zumindest die Maus nicht, die mich dort besuchen kam. Ich schrie, sie rannte in Panik davon – in den Nachbarwaschraum. Die deutsche Tourismusstudentin, die hier ihr Praktikum absolviert, zuckte nur mit den Schultern.

Ich beschloss nach der ersten Nacht, das Hostel-Experiment vorzeitig zu beenden. Der Besitzer gibt mir mein Geld für die zweite Nacht nur zurück, wenn er Ersatzgäste bekommt. Am Ende könnte es also eine teuer erkaufte Erfahrung werden, aber ich bin bereit, dafür zu zahlen.

Denn hier, in diesem ältesten Hotel vor Ort, in das ich nach dem Frühstück umgezogen bin, ist nun alles gut. Es gibt richtige Zimmer. Sie sind an Schlichtheit und modischer Überholtheit kaum zu überbieten, aber das mit Charme. Ich hatte freie Auswahl und nahm Zimmer Nummer 5. Es ist hell, hat Holzdielen und richtige Möbel. Und einen Plastikblumenstrauß auf dem Nachttisch. Vor der Tür gibt es einen langen Flur voller Ölgemälde mit neuseeländischen Motiven, außerdem diese kleine Veranda, mein Top-Ausichtsplatz auf die Hauptstraße von Havelock. Unten im Pub treffen sich abends die kernigen Kerle des Städtchens auf ein Bier. Hier oben aber ich der einzige Gast. Und ich habe noch kein Schild entdeckt, das mir Vorschriften macht.

HavelockIV

HavelockII

HavelockIII

Ein Problem gab’s aber dann noch. Bei meinem Erkundungsspaziergang durch die Stadt sah ich ein Schild am Wegesrand: Tickets für das Postboot bitte hier buchen. Wie, Tickets buchen? Ich dachte, man geht zum Anleger und steigt ein? Sicherheitshalber ging ich nachfragen, und tatsächlich sagte die nette Frau in der Information: Oh, tut mir leid, aber für morgen ist das Postboot schon ausgebucht.

Ich war moralisch noch etwas geschwächt von der Unterkunftsgeschichte, deshalb machte mir diese Auskunft ziemlich zu schaffen. Mein Traumreiseziel, für immer unerreichbar? Die Frau sagte, alternativ könnte ich ein Wassertaxi nehmen. Das würde aber teuer. Also 150 Dollar oder sowas.

Ich ging erstmal Kaffeetrinken und mit meiner Dusseligkeit hadern. Aber dann dachte ich – ein unerwarteter Anfall von Optimismus: Ich frage Jim, den Postboot-Mann, am besten nochmal selbst. Tatsächlich hab ihn am Telefon erreicht. Und gefragt, ob er nicht eine Ausnahme machen könnte. Ich sei allein, nicht allzu groß und müsse bloß bis zur Nydia-Bay. „Only drop-off?“, sagte er, „yeah, that’s no problem.“ Was, echt? Hurra!

Jetzt sitze ich auf der Veranda und nutze die Zeit. Zum Freuen darüber, dass ich hier sitze. So nah liegen Pech und Glück nebeneinander, auch hier, am anderen Ende der Welt, zwischen grünen Hügeln und viel Wasser. Beides darf ich mir nun doch ab morgen genauer ansehen. Wie es in der Nydia Bay um das Internet bestellt ist, weiß ich übrigens nicht genau. Wir werden es sehen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s