Come to Marlborough Country

Nebel

Heute Nacht bin ich aufgewacht, und es war vollkommen still. Die Zikaden, vermeintlich nimmermüde, waren zur Ruhe gegangen, ebenso wie die Vögel. Die beiden lärmenden Possums hatte Duncan am Abend vor meiner Ankunft abgeschossen. Was bleibt da noch, in der Nydia Bay? Höchstens ein bisschen Blätterrauschen. Ich trat vor die Tür meines Zimmers und stand unter dem sternenhaftesten Sternenhimmel, den meine Augen je gesehen hatten. Fast erschreckte ich mich im ersten Moment, weil es so sehr aus allen Richtungen leuchtete. Mir wurde ganz lyrisch zumute.

Aber von Anfang an: Am strahlend sonnigen Dienstagmorgen stieg ich in Havelock ins Postboot. Zusammen mit 25 anderen Reisenden. Die Touristen halten den Service in den Marlborough Sounds am Leben, sagt Jim, der Skipper. Er ist Schotte, kam vor 14 Jahren als Backpacker nach Neuseeland und blieb gleich da. Jetzt hat er den besten Job der Welt, sagt er. Er fährt Post aus an die Leute, deren Häuser hier im äußerste Norden der Südinsel nur per Boot zu erreichen sind. Er transportiert – zu günstigen Preisen – die Einheimischen, die kein eigenes Boot haben. Und er erklärt glücklichen Touristen – für etwas mehr Geld – auf Schottisch die Welt, durch die sie von ihm gefahren werden.

Mailboat

Eine Wasserlandschaft ganz weit weg von allem. Der Südpazifik schmiegt sich ruhig an Hügel voll dunkler Wälder, hier und da sind ein paar Häuser zu sehen. In einem davon wohnt Wendy. Sie lebt davon, Possums zu jagen und die Felle zu verkaufen. Die Tiere sind nicht einheimisch, sondern eine Plage, sie töten Bäume und bringen das ökologische Gleichgewicht durcheinander. 120 Neuseelanddollar gibt es für ein Kilo Possum-Fell. Jim erzählt launig davon, als wir an Wendys Haus vorbei fahren.

Wie er ihr später, auf dem Rückweg seiner sechsstündigen Tour, die Post bringt, bekomme ich nicht mehr mit. In der Nydia Bay fährt das Boot an einen kleinen Anleger, auf dem ein sportlich ergrauter Mann mit Hund wartet. Ich springe an Land, Jims Assistentin Bindy wirft mir meinen Rucksack rüber und Tom sagt „Nice to meet you.“ Er legt meinen Rucksack in eine Schubkarre, sagt „Come on, Fee“ zum Hund und wir laufen los, durch den Wald. Fremder Wald mit Bäumen, die ich noch nie gesehen habe. Auf einem Pfad, der Teil des Nydia Tracks ist. Es riecht gut. Waldig. Würzig.

Nach fünf Minuten, in denen Tom mir schon sehr viele Fragen über mein Woher und Wohin gestellt hat, stehen wir auf einer Lichtung, und da liegt die Lodge. Am Wasser, umgeben von grünen Bergen. Ein großes Holzhaus und ein paar kleine stehen da, verbunden mit geschwungenen Holzstegen, umgeben von Gärten. Im Blockhüttchen schräg hinter der großen Outdoor-Badewanne schlafe ich.

Hütten

Aber ich greife vor: Als allererstes, kaum, dass er die Schubkarre abgesetzt hat, fragt mich Tom, ob ich lieber Kaffee oder Tee zu meinem Kuchen möchte. Seine Frau Norma und Sohn Duncan kommen dazu, um mich zu begrüßen. Mit strahlendem Lächeln und sehr vielen freundlichen Worten. Tom serviert mir Normas Möhrenkuchen und Kaffee auf einer der vielen Terrassen dieses Hauses. Ich freue mich so. Im Laufe des Tages werde ich sehen, dass jeder Gast so empfangen wird. Und jeder wird davon froh.

KaffeeKuchen

Es tut mir leid, das sagen zu müssen, aber hier ist einfach alles schön. Wirklich alles. Die Küchenregale, die Teekannen, die Kräuterbeete, die Fliesen in den Duschen, der Gemüsegarten, das Wohnzimmer mit dem Bücherregal und den 60er-Jahre-Möbeln, mein kleines Dachzimmer mit dem großen Bett, den Fenstern auf drei Seiten und den Büchern auf dem Nachttisch. Und natürlich die Natur drumherum. Ob die konstante Begeisterung der Gäste die Gastgeberfamilie irgendwann langweilt? Ich will sie noch fragen.

Nach der Nacht der Stille hab ich heute um 7 Uhr in der Minihütte, an der „Shop“ steht, zwei Eier geholt und das in das dort ausliegende Buch eingetragen: „Grankvist: 2 eggs, 1 NZD“. Gezahlt wird später. Es gab also Rührei zum Frühstück unter nettem Geplauder mit einer französischen Familie – nicht ohne mehrfaches Erscheinen von Tom und Duncan, die wissen wollten, ob auch alles in Ordnung sei. Oder ob irgendwas fehle. Nein, wirklich, es fehlt gar nichts.

Nach dem Frühstück ging es los mit dem Nichtstun. In meinem Fall hieß das: Ich bin ich spazieren gegangen, zwei Stunden durch den Wald, immer am Wasser entlang. Und durch das Wasser durch, wo es nötig war (der Weg ging durch einen Bach). Später, nach dem Lunch und dem Mittagsschlaf, habe ich die von Duncan für mich gewaschene Wäsche aufgehängt, auf der Wiese hinter dem Eisenbahnwaggon, beobachtet von Schafen. Ich habe ein bisschen gelesen. Kaffee getrunken. Mit ein paar Rangern gesprochen, die sich um den Wanderweg kümmern. Muscheln gesammelt. Und solche Sachen. Das wird jetzt noch ein paar Tage so weiter gehen. Falls ich mich nicht entscheide, einfach hierzubleiben.

Inselchen

3 replies »

  1. Das sieht toll aus und liest sich auch so. Du bist im Paradies und ich freue mich für dich! Aber dableiben geht nicht Fräulein Grankquist! Ich wünsche dir noch eine traumhaft schöne Zeit und freue mich auf deine nächsten Geschichten! Liebste Grüße

    • Hihi, jaaaa, weiß ich doch. Aber es war lustig, sich das vorzustellen! Morgen fahre ich weiter, wahrscheinlich ist Nelson mein nächstes Ziel, mal sehen. 🙂 Viele Grüße, bis bald!

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