Per Anhalter durch die Sounds

Heute Morgen saß ich in einer kleinen Nussschale mitten im Pelorus-Sound und wartete auf meine Mitfahrgelegenheit. Das Wasser war so unruhig wie der Himmel, ein paar Tropfen fielen auf das Fenster. Duncan fing offenbar an, sich Sorgen zu machen. Zumal das Funkgerät nicht funktionierte. Wo blieb das Postboot?

Nussschale

Handyempfang gibt es hier wohl nicht?, fragte ich. Er guckte etwas verlegen. Doch, schon, sagte er, aber ich habe mein Handy nicht dabei. Endlich ein Moment, in dem ich aussehen konnte, als wäre ich gut vorbereitet: Ich zog mein Handy und den Flyer mit der Nummer von Postboot-Mann Jim aus der Tasche. Das hier musste geklärt werden. Am Abend erwartete Duncan auf seiner Lodge 19 Essens- und Übernachtungsgäste (die alle besser geplant und früher gebucht hatten als ich, weshalb für mich kein Platz mehr war), er konnte nicht ewig hier rumhängen. Leider ging bei Jim bloß der Anrufbeantworter ans Telefon. Schweigen im Boot.

Ich sagte: Setz mich doch einfach auf dem Steg ab, Jim kommt schon noch. Auf keinen Fall, sagte er. Gerade, als wir seine Eltern anrufen wollten, falls die etwas wüssten von einem außergewöhnlichen Postbootzwischenfall, knisterte das Funkgerät doch noch: Es war Jim! We are a bit late, sagte er, coming now. Over. Ok, sagte Duncan, we see you when we see you, over and out.

Große Erleichterung. Gefolgt von der nächsten Herausforderung. Wir sahen, dass der Privatsteg, der als Umschlagplatz für mich gedacht war, gerade besetzt war. Ein Mann lud gemächlich Zeug aus seinem Boot. Das verlangte nach einer sportlichen Lösung: anlegen, wo keine Leiter war, irgendwie hochklettern. Meine einzige Sorge war, dass der Computer im Wasser landen würde, aber es ging alles gut. Das kleine Boot verschwand in der wunderschönen Nydia Bay.

kleinesundgroßesBoot

Jetzt war das Postboot dran mit seinem Manöver auf der falschen Anlegerseite. Jim kämpfte mit der starken Flut, die, wie er mir später erklärte, mit drei Knoten gegen sein Boot drückte. Er knallte gegen den Steg, gab mir – in zackigem Tonfall – zu verstehen, dass ich warten sollte, dann wiederum sollte ich schnell das Seil festmachen. Dann wieder still stehen, dann doch schnell aufs Boot springen. Als wir endlich fuhren, lächelte er wieder. Und ich freute mich auf einen Ausflug, von dessen Zweck und Ziel ich sehr wenig wusste. Das ist die schöne Seite meiner dürftigen Vorausplanung: Es ereignen sich überraschend gute Wendungen.

Im Laufe des Tages fand ich so langsam alles heraus. Auf dem Boot war ich die einzige Touristin. Alle anderen waren Einheimische auf einem Samstagsausflug. Zweimal im Jahr bietet der Tui Nature Reserve Wildlife Park in der Waitata Bay den Leuten aus der Region einen Tag der offenen Tür an. Wer auf dem Boot saß, hatte in der Lokalzeitung davon gelesen. Vögel angucken, mal rauskommen, sich in den Sounds einen schönen Tag machen: Das war ihr Ziel. Und zufällig brauchte ich an genau so einem Tag einen Transport zurück nach Havelock. Der kann von mir aus gerne acht Stunden dauern, wenn ich dafür einen geselligen Tag auf dem Meer und im Wald bekomme. Mit ergreifend schönen Aussichten über den Sound.

AussichtI

AussichtII

Das Naturreservat hat ein Holländer gegründet. Vor 20 Jahren kam er nach Neuseeland, kaufte das Stück Land ganz oben an der Spitze eines der vielen Berge hier (die wohl vielleicht eher Hügel sind), und beschloss, das einheimische Wildleben zu fördern. Dafür züchtet er unter anderem Riesen-Wetas, ziemlich furchteinflößende Insekten. Die gehören nun einmal hierher, und irgendwann sollen sie wieder den Wald bevölkern, sagt Brian, der Holländer. Er lebt hier mit seiner Familie, die drei Kinder sind ganz oben aufgewachsen. Nur ein ein 45-minütiger, ziemlich steiler Anstieg führt zu ihnen.

Brian

Ich war ja nicht den ganzen Nydia-Track gewandert, sondern nur kleine Ausschnitte davon – um besondere Wander-Anstrengungen zu umgehen. Jetzt gab es daran kein Vorbei. Und ich habe fast gar nicht geflucht! Sondern mich keuchend mit einer Amerikanerin unterhalten, die gerade mit ihrem Mann nach Neuseeland eingewandert ist. (Nach Neuseeland einwandern war heute offenbar überhaupt das große Thema des Tages. Neben der Amerikanerin saßen auf dem Boot noch zwei Schotten, ein Brasilianer, eine Engländerin und eine Dänin, die jetzt hier leben und mir davon etwas vorschwärmten.)

Wenn wir nicht plauderten, hörten wir zu, wie Brian und seine Familie von ihrer Arbeit erzählten. Das erklärte Ziel: Raus mit Ratten, Mäusen, Ziegen, Rehen und Possums aus diesem 80-Hektar-Schutzgebiet, damit die ursprünglich gut eingespielte Natur sich wieder erholen kann. Gegen die größeren Tiere bauen sie derzeit einen langen, langen Zaun. Und gegen die kleineren stellen sie immer bessere Fallen auf. Brians Tochter, Leona, bildet außerdem Hunde dafür aus, Ratten und Mäuse aufzuspüren. Sie überprüfen dann, ob ein Ort wirklich frei von Schädlingen ist oder ob noch Fallen aufgestellt werden müssen. Ziemlich cooler Beruf – für den Menschen wie für den Hund, finde ich. Inzwischen sind hier einige Inseln wieder ganz frei von den einst auf europäischen Schiffen eingeschleusten Tieren.

Hund

Die ganze Kaffeefahrt-Gruppe stand und lauschte gebannt. Auf dem Heimweg meinten zwar einige, sie hätten lieber ein paar mehr Vögel gesehen. Aber eigentlich schien das niemandem wichtiger gewesen zu sein als das Gesamtgefühl für diesen Tag. Und das war ziemlich gut. Sonne, Wasser, Bäume und Gespräche – und für mich zusätzlich das Glück, Normas Nobel-Lunchpaket dabei zu haben. In der weißen Folie: Sandwich. in der Alufolie: Bacon-and-Egg-Pie. Nicht im Bild: Cookie und Karamelkuchen. Das möchte ich ab jetzt jeden Tag.

Lunchpaket

Übrigens, ich habe ein Vogel-Bilderrätsel fotografiert. Die Frage lautet:

Wo ist der Fantail?

Fantail

Zweieinhalb Stunden tuckerte das Boot am Ende durch die Sounds, bevor es wieder in Havelock anlegte. Und dann erließ mir Jim am Ende noch das Fahrtgeld. 60 Dollar. Weil er plötzlich der Ansicht war, ich hätte ja auf dem Steg gestanden und quasi den Daumen rausgehalten. Das wäre dann schon in Ordnung so.

3 replies »

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s