Rekordnette Reisegesellschaft

Ich kann ganz schön abenteuerlustig sein. Wie auf der Heimfahrt von Berlin. Ich setze mich hin, obwohl der Platz ab Wolfsburg reserviert ist. „Freie Plätze in Wagen vier, fünf und sechs!“, lockt der Zugchef reißerisch, aber ich bleibe sitzen. Denke: In Wolfsburg findet sich eine neue Lösung. Und ich bereue es nicht. So viele nette Leute.

Eine Mutter ohne Deutschkenntnisse, mit ihrer kleinen Tochter. Wir sitzen an einem Tisch. „Hallo“, sagt die Tochter zu mir, „ich bin kurdisch.“ Und: „Ich bin sieben.“ Und: „Wir fahren nach Ufsburg.“ „Wolfsburg?“, frage ich. „Ja, Ufsburg.“ „Na, sowas“, sage ich und lächele, so wie sie es tut. Dann mache ich es mir in meinem unreservierten Fenstersitz bequem und falle in einen zugigen Halbschlaf. In dem ich höre, wie der Vierte am Tisch, ein älterer Brillennerd, zu jemandem am Telefon sagt: „Ich würde gerne helfen, aber ich steige schon vor Wolfsburg aus“. Ich frage mich, was das wohl bedeutet.

Das frage ich mich auch, als ich höre, was der hübsche, vollbärtige Vater hinter mir seiner Tochter vorliest. In dem Buch redet die Tante der Ich-Erzählerin offenbar schlecht über Männer. Männer seien Schuld an allen Problemen, weil sie fremdgingen, liest der Vater. Die Worte erreichen mein schlafvernebeltes Hirn; sie kommen mir seltsam vor für ein Kinderbuch. Und für einen vorlesenden Mann. Von der Verwirrung werde ich wieder wach.

Das kurdische Mädchen reicht gerade lächelnd und schweigend der Holländerin auf der anderen Seite des Ganges das mütterliche Telefon. Und plötzlich verstehe ich, worum es geht. Die Holländerin macht es kurz: „I don’t speak German very well, your daughter gave me the phone, bye bye!“. Sie lacht und gibt das Telefon zurück. Das Mädchen reicht es der Mutter weiter, und schließlich landet es bei mir. Wie erwartet höre ich eine Männerstimme: „Hallo, meine Frau spricht kein Deutsch, können Sie ihr helfen, dass sie in Ufsburg aus dem Zug steigt?“ Natürlich.

Ich frage die Frau auf Englisch, ob sie viel Gepäck hat. Sie versteht mich nicht. Ich versuche, das kurdische Wort für Gepäck zu googeln, aber das Internet hat gerade Pause. Stattdessen zeige ich ihr die Uhr auf meinem Telefon und zum Vergleich die Ankunftszeit im Fahrplan: zehn Minuten noch. Wir verstehen uns.

Die Holländerin holt ein Foto aus dem Portemonnaie, ihr Sohn ist darauf zu sehen. Sie zeigt es der kurdischen Mutter. Lächeln, Nicken, Alter mit Fingern anzeigen. Mütterverständigung. Ich sage zu der Siebenjährigen: „Wenn der Mann sagt Meine Damen und Herren, in wenigen Minuten erreichen wir Wolfsburg, dann steht ihr am besten auf.“ Dabei versuche ich, einen Durchsagen-Tonfall zu imitieren, und den versteht ihre Mutter auch. Wieder Nicken und Lächeln, da ist die Durchsage, die Holländerin und ich winken zum Abschied.

Dann kommen auch schon Vater und Sohn mit der oben angekündigten Platzreservierung, aber kein Problem, ich wechsle einfach die Tischseite. Überdurchschnittlich viele Väter mit Kindern unterwegs in diesem Wagen. Und auch dieser liest vor – endlich lerne ich die Olchis kennen. Wesen, die auf der Müllhalde leben und deren Mundgeruch die Fliegen tot zu Boden segeln lässt. Der Vater liest gut, das Buch ist super, der Sohn und ich müssen oft lachen.

Zwei Reihen weiter hinten nimmt ein betrunkener Pole Platz. Er hat graue, zerzauste Haare, trägt eine schmutzige Tasche und Alkoholgeruch mit sich. Es ist ihm wichtig, klarzustellen, dass er Pole ist. „Nix russisch“, ruft er, „nix Putin. Putin schlecht. Ich Pole. Lewandowski! Klose!“ Irgendjemand in seiner Nähe nennt Podolski. „Podolski!“, bestätigt jubelnd der betrunkene Pole. Er sagt Na Strowje. Er sagt zu jeder Frau Madam. Ich habe Angst, dass er nerven wird. Aber die Leute um ihn herum sind nicht genervt. Sie wollen ihm helfen.

Etwas stimmt nicht mit seinem Fahrtziel. Wo will er überhaupt hin? Als er hört, dass dieser Zug bis nach Holland fährt, ist er schockiert. „Hollandia? Das hier Hollandia? Kann nicht sein.“ Eine junge Frau antwortet: „Noch Deutschland, später Hollandia. Wo wollen Sie denn hin?“ Er verrät es nicht, sondern fängt an zu singen. Liegt es an Ostern? Sind die Leute in Feiertagslaune? Sie lächeln sich zu, sind die Gelassenheit selbst, ach, dieser betrunkene Pole, nehmen wir ihn auf in unserer Mitte. „Was macht der?“, fragt der kleine Olchi-Junge. „Er singt“, sagt sein Olchi-Vater.

„Ist hier noch frei?“, fragt da mit außergewöhnlich durchdringender Stimme eine Frau neben mir. Ich sage „Ja“. Sie sagt „Danke“ und setzt sich. Reibt sich die Hände. Wiegt sich vor und zurück und summt laut. Fast ist es ein Stöhnen. Töne, die die meisten Menschen in der Öffentlichkeit nicht machen würden. Der Junge staunt sie an. Die Erwachsenen lassen sich ihr Staunen nicht anmerken.

Als der Schaffner kommt, ein rundlicher Mann mit Glatze, das Lächeln griffbereit, spricht sie ihn an. „Sind Sie der Zugchef?“ „Ja, bin ich.“ „Ich hab mal eine Frage: Machen Sie das immer so, oder nur, weil Ostern ist?“ „Für Sie auch öfter“, sagt er charmant. „Ich bedanke mich“, sagt die Frau. Er nickt und will weiterziehen, aber sie hat noch eine Frage. „Ich will nicht schwanger werden, aber wenn ich schwanger bin und das Kind kommt im Zug, wie viel Verspätung hat dann der Zug?“ „Eine Stunde“, sagt der Zugchef schlagfertig. „Aha. Vielen Dank“, sagt meine Sitznachbarin.

Sie und ich entdecken gleichzeitig, dass der Vollbart-Vater einen winzigen Hund auf dem Schoß hat. Ich frage mich, ob der Hund sediert ist, so ruhig, wie der ist. Die Frau geht rüber und fragt den Mann, ob das ein Jack-Russell-Terrier sei. Und ob Rüde oder Hündin. Und wie er hieße. Und ob sie ihn streicheln dürfe. Sie darf ihn streicheln.

Dann klingelt ihr Handy, und die Leute erfahren, warum sie dem Zugchef dankbar ist: Sie ist vorhin versehentlich eingeschlafen in der Regionalbahn und hat das Ziel verpasst. Jetzt darf sie mit dem IC zurück fahren. „Holst du mich ab oder soll ich latschen?“, fragt sie die Person am Telefon. Dann hält der Zug schon wieder. „Auf Wiedersehen“, sagt sie laut. Der Junge staunt immer noch, stellt aber keine Fragen. Nach einer Weile schläft er ein.

Als er wieder aufwacht, weint er. Der Vater fragt ihn: „Was glaubst du, was macht Mama zum Abendbrot?“ Da weint der Junge noch mehr. „Was ist denn los?“, fragt der Vater besorgt. Der Junge kann nur noch sehnsüchtig „Mama“ sagen. „Gleich“, sagt der Vater, „gleich sind wir da.“ Und das stimmt. Olchi-Vater, Sohn, ich und ein paar andere steigen aus. Die Holländerin, der betrunkene Pole und viele andere bleiben sitzen. Ich weiß nicht, was los war: rekordnette Menschen in Wagen zehn. Und dann war der Zug auch noch pünktlich. Glückstag.

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