Mann wirft Hund in Fluss. Und fällt hinterher.

Ich sitze mit meinem fränkischen Ex-Kollegen in der nicht vorhandenen Sonne. Weichei hat er mich per SMS genannt, als ich ich fragte, ob wir nicht lieber in ein Café gehen sollten. Es ist Frühling, der Kollege sitzt im Frühling (und Sommer und Herbst) am liebsten draußen. Freiheit genießen, sagt er. Also gut. Ich ziehe die Winterjacke an und nehme Weichei-mäßig das Outdoor-Sitzkissen aus meinem Schwedenrucksack mit. Wir lassen uns auf die mit Brettern beschlagenen Stufen am trüben Flüsschen unserer Stadt nieder. Die Enten üben Sturzflüge vor dunkelgrauen Wolken.

Zu trinken gibt es Bamberger Herrenpils. Ein halber Liter Bier, und es ist noch nicht einmal fünf Uhr: Der Ausflug gerät zum Abenteuer. Und dann hat unser inoffizielles Amphitheater auch noch unerwartet ein schönes Schauspiel im Angebot. Ein schwerst muskulöser und obercool daherkommender Typ in der Hauptrolle. Ferner treten auf: seine obermanikürte, oberfrisierte Freundin – und der gemeinsame, schwarzbefellte und ebenfalls sehr muskulöse Hund. Sie haben insgesamt vier Zuschauer, es sitzen noch ein Mann und eine Frau oben auf der Bank, die trinken kein Herrenpils, sondern Schnaps aus kleinen Fläschchen.

1. Akt: Mann schmeißt Hund ins Wasser

Der Ober-Mann nimmt plötzlich mit seinen aufgepumpten Armen das nichts ahnende Riesentier und wirft es in den Fluss. Warum tut er das? Soll der Hund schwimmen lernen? Oder abgehärtet werden? Oder ist es nur ein spontaner Anfall von Machtausübungs-Lust? Der Hund jedenfalls kann schon schwimmen. Er schwimmt sofort zurück ans Ufer, klettert raus, entfernt sich ein paar Meter und schüttelt sich. Es sieht so aus, als wäre ihm die Sache peinlich. Vielleicht interpretiere ich da zuviel rein. Aber er blickt sich eindeutig verschämt um, als hadere er mit der Frage: Wie konnte ich schon wieder auf das Herrchen reinfallen?

2. Akt: Mann verliert die Kontrolle

Dem Herrchen hat’s gefallen. Er lacht, seine Freundin steht irgendwie dünn und regungslos mit dem Rücken zum Publikum. Ob sie den Mann bewundert für sein entschlossenes Hunde-Werfen? Oder ob sie denkt: Au weia, wie werde ich ihn wieder los, ohne selbst im Fluss zu landen? Die Zuschauer erfahren es nicht. Der Hund nähert sich seinem Herrchen erneut, dumm genug. Und tatsächlich, das Herrchen geht in die nächste Runde. Nimmt das Tier hoch, wendet sich dem Fluss zu, lässt die Muskeln spielen und… Landung des Hundes im Wasser, zwei Meter vom Ufer entfernt. Doch, halt, was ist das? Der Mann schwankt. Seine eigene Kraft hat ihn aus dem Gleichgewicht gebracht. Die Freundin steht unbewegt, der Mann rudert mit den Armen, vergeblich: Er folgt dem Hund in den Fluss.

Die beiden Zuschauer auf der Bank da oben lachen sich lauthals und ausgiebig schlapp. Ich mache mir Sorgen. Was, wenn der Mann jetzt wütend wird? Wenn er es überhaupt nicht erträgt, bei einem derart peinlichen Missgeschick, quasi bei der Demontage seiner eben noch voll intakten Männlichkeit beobachtet zu werden? Ich sehe ihn schon brüllend auf uns alle zu rasen und uns durchschütteln. Deshalb schaue ich lieber nur ganz unauffällig rüber und kichere möglichst leise. Es sieht sehr komisch aus, wie der Mann plötzlich bis zur Brust im Wasser steht. Die Blouson-Ärmel noch aufgeblähter als zuvor. Die Freundin steht weiter unbewegt. Der Hund schüttelt sich schon wieder, längst herausgeklettert.

3. Akt: Mann überrascht alle

Das Herrchen weiß nicht so recht. Vor Staunen bleibt er im Wasser stehen. Der Mann oben auf der Bank lacht und lacht, und die Entscheidung über die Auflösung der Situation steht noch aus. Die Spannung erreicht den Siedepunkt. Und dann, endlich, können es alle sehen. Das Wunder geschieht: Der Mann im Wasser lacht. Über sich selbst. „Das kommt davon, ne?“ sagt er zu seinem begeisterten Schnapsfläschchen-Zuschauer, und endlich lachen alle. Überraschung! Das hätten wir nicht gedacht. Das so ein Angeber-Kerl so schön über sich lachen kann. Hatten wir ihn unterschätzt. Jetzt klettert er doch noch aus dem Fluss, nicht sehr elegant. Dann verlassen die drei die Bühne; nasser Mann, dünne Frau, verwirrter Hund. Aber…

Epilog: Mann bleibt doch er selbst

… kurz vor der Brücke muss der Mann noch etwas tun. Etwas nagt an ihm. Er tut das Erstbeste, was ihm einfällt: Nimmt seinen Hund und wirft ihn noch einmal in den Fluss. Kann doch wohl nicht wahr sein. Diesmal wendet er sich gleich zum Gehen, es dürfte ihm ja auch ziemlich kalt sein. Aber vielleicht sind seine teuren Turnschuhe glitschig geworden: Er rutscht aus. Muss sich abstützen am Boden, um nicht im Dreck zu landen. Es reicht, um uns wieder zum Kichern zu bringen. Kein guter Tag für den Mann. Hoffentlich hat er sich nicht erkältet. Er wird sich ärgern über die beiden Ausrutscher. Obwohl: Vielleicht weiß er, wie cool es von ihm war, über sich selbst zu lachen. Dann hat er was, worüber er sich freuen kann.

Es fängt an zu regnen, sogar der hartgesottene Franke ist jetzt bereit, den Ort des Schauspiels zu verlassen. Das Bier ist fast alle. Hat gut geschmeckt, hat Spaß gemacht. Jetzt aufwärmen im Café.

CoffeeTea

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