Wäscheständer, Paris und Weihnachtsmarkt

obesguttut

Ich bin keine Restaurantkritikerin, aber ich bin ziemlich sicher, dass es kein gutes Zeichen ist, wenn aus dem Essen kleine schwarze Fliegen aufsteigen. Ich darf mich jetzt aber nicht beschweren, denn ich wusste eigentlich, worauf ich mich einließ, als ich das gesichtslose, sehr günstige Etablissement betrat. Wollte nicht anspruchsvoll sein, nur schnell satt werden. Einmal Tagliatelle mit Spinat in Gorgonzola-Fliegen-Sauce, bitte. Vielleicht kamen die Tierchen auch aus dem Parmesan, so genau war das nicht erkennbar. Es waren ungefähr vier. Sie umschwirrten mich stoisch.

Ich konterte, indem ich ebenso stoisch weiter aß. Weil ich mich stärken wollte für den Einkauf eines Putz-Sortiments und die Suche nach einem auch zu Fuß transportierbaren Wäscheständer. Sprach nur kurz mit dem Kellner: Entschuldigen Sie, Sie haben ein kleines Fliegenproblem. Ja, sagte er, ich hab auch schon versucht, die loszuwerden, hab die Tür aufgemacht, aber es ist wohl zu kalt draußen. Ich überlegte, ob ich das Gesundheitsamt anrufen sollte, wählte dann aber die konfliktfreie Variante und wechselte das Thema. Erzählte dem Mann, dass ich derzeit keine Küche habe und deshalb auswärts essen müsste.

Er hat auch keine Küche. Seine Lebensgefährtin: gestern ausgezogen, alles mitgenommen.

Ich bin dann bald gegangen. Der Putzmittel-Einkauf schien plötzlich noch dringlicher. In meinem neuen Zuhause sollen niemals Fliegen aus dem Essen aufsteigen.

Denn, oh ja: Ich habe eine neue Wohnung. Von der Besichtigung bis zum Einzug vergingen nicht einmal zwei Wochen. Schneller ward kein Umzug je vollzogen. Jetzt sehe ich vom Schreibtisch aus nicht mehr auf den Friedhof, sondern auf schöne, alte Gemäuer. Und davor: Menschen. Zu Fuß, auf dem Fahrrad, in Autos, in Straßenbahnen. Eine sehr lebendige Aussicht.

Als ich das Sofa für dieses neue Zuhause aussuchte, wurden in Paris 130 Menschen von Terroristen getötet.

Afraid

Ich wollte nichts mehr schreiben. Nicht von lustigen U-Bahnfahrten, denn nach den Anschlägen bekam ich in der U-Bahn plötzlich Schweißausbrüche, die erst am Ziel vergingen. Nicht von amüsanten Wohnungsbesichtigungen, denn wen interessieren die, wenn Wahnsinnige das Leben Mitten in Europa lahmlegen. Keine heiteren Anekdoten mehr, denn was bedeuten die schon, angesichts des Todes.

Nichts. Und alles. Das zusammen zu bekommen, fällt mir sehr schwer. Mir und allen anderen, vermute ich. Wie kann man das aushalten: sich auszudenken, wie schön die neue Wohnung sein wird wird, während die Angehörigen der Opfer von Paris noch in Schockstarre verharren. Oder auch: sich über die neue Wohnung freuen, während die, die vor dem Wahnsinn in ihrer Heimat geflohen sind, nur ein Bett in einer Turnhalle für sich haben.

Seit dem Sommer frage ich mich immer wieder, wie das zusammen geht. Und ich habe keine Antwort gefunden.

Inzwischen denke ich: Es gibt keine Antwort. Nur das Leben selbst. Es geschieht immer alles gleichzeitig, und in diesem Jahr ist dieses Alles besonders schwer zu ertragen.

Als das Fußballspiel in Hannover abgesagt wurde, stand ich am Gendarmenmarkt und hatte den Weihnachtsbaum im Blick, den sie ein paar Tage zuvor dort aufgestellt hatten. Ein von unten bis oben glänzender Lichterbaum, mit Stern auf der Spitze.

Der Anblick hat mich gerührt. Das Schlimmste, was früher über Weihnachtsmärkte gesagt werden konnte, war: Sie kommerzialisieren das Weihnachtsfest. Heute diskutiert man, wie hoch die Gefahr ist, dort einem islamistischen Anschlag zum Opfer zu fallen. Und der Stern auf den Weihnachtsbäumen leuchtet wie immer, als wäre nichts gewesen. Mit der liebsten, friedlichsten Botschaft von allen. So bin ich aufgewachsen: Weihnachten ist etwas Gutes.

Die Vorstellung, dass irgendwelche Wahnsinnigen darin etwas Tötenswertes sehen, macht mich sehr, sehr wütend.

So, wie ich sitze und mir das gerade vorstelle, merke ich die Wut in mir entstehen.

Und noch etwas: Nachdem ich heute meine Nudeln mit Fliegensauce gegessen hatte, wanderte ich durch die Straßen von Prenzlauer Berg. Ging und hielt Ausschau nach dem, was ich suchte. Und fand tatsächlich an einer Straßenecke einen Mini-Baumarkt. Einen herrlichen kleinen Laden. Wäscheständer in großer Auswahl. Ich kaufte einen und trug ihn nach Hause wie eine Trophäe. So unwichtig. Aber mein Leben.

Danach habe ich Kisten ausgepackt. Jetzt gehe ich auf den Weihnachtsmarkt.

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