Ein Buch: Alles Licht, das wir nicht sehen

Doerr

Ein französisches Mädchen, blind, ein deutscher Junge, seltsam weißhaarig. Sie wächst in Paris mit ihrem Vater auf, er mit seiner Schwester in einem Waisenhaus im Ruhrgebiet. Irgendwann werden sie sich treffen, soviel ist von Anfang an klar. Irgendwann, wenn Europa in Trümmern liegt. Eine deutsch-französische Weltkriegsgeschichte, an zwei Kinderleben erzählt von einem Amerikaner.

Meine Ausgabe von Anthony Doerrs „Alles Licht, das wir nicht sehen“ glitzert ein bisschen. Das bedeutet, sie wurde gedruckt, nachdem der Autor in diesem Jahr den Pulitzer-Preis dafür erhalten hatte. Ein zweiter Anlauf des deutschen Verlages C.H. Beck, den Roman auch in Deutschland zu einem Bestseller zu machen. Ich habe davon in einem Radiogespräch gehört. Der Verleger wunderte sich spürbar darüber, warum dieser phänomenale Weltbesteller (steht hinten drauf), den die New York Times tief bewegend und wunderschön nannte (steht auch hinten drauf), sich bislang ausgerechnet in dem Land, von dem es in weiten Teilen handelt, nur mäßig verkauft hatte.

Diese Radiosendung brachte mich dazu, das Buch zu lesen. Ein besonders schöner Zufall, denn das Radio ist ein zentrales Element der Geschichte. Ohne Radio wäre in diesem Roman alles nichts.

Werner, der weißhaarige deutsche Junge, entdeckt gemeinsam mit seiner Schwester durch Zufall den Zauber des Radiohörens. Bevor es verboten wird, lauschen sie einer französischen Kindersendung und begreifen, dass die Welt größer ist als das Waisenhaus am Rande der Zeche Zollverein, in dem sie aufwachsen. Dass sie die Welt jemals sehen werden, ist allerdings unwahrscheinlich: Für Waisenjungen wie Werner gibt es keinen Lebensweg als den in die Kohlengrube. Normalerweise.

Ein amerikanischer Autor entwirft ein Bild von Deutschland. Mit Szenarien, Gesten, Themen, Ereignissen, Landschaften und Traumata, die den Lesern hier urvertraut sind. Die zögerliche Reaktion des deutschen Publikums: Liegt sie an einem Misstrauen gegenüber dem Amerikaner, der sich zutraut, die deutsche Identität zu entschlüsseln? Vielleicht schließe ich auch zu Unrecht von mir auf andere.

Ich habe es misstrauisch gelesen, zu Anfang. Aber das ist schnell verpufft. Der trostlose, ungesunde Bergarbeiteralltag im Ruhrgebiet der 1930er-Jahre. Mitten drin ein unschuldiger Junge, der von etwas Besserem träumt und es gleichzeitig für unerreichbar hält: ja, natürlich. Ich nehme es Doerr sofort ab.

Nächste Frage, Nazifrage: Wie lässt der Autor seine deutschen Figuren das um sich greifende System erleben? Er lässt sie als Menschen reingehen und als zerstörte Menschen wieder raus. Er versteht, wie das passiert sein muss. Und dass es auf sehr viele verschiedene Arten und Weisen passiert ist. Die tumben Hitlerjungen und die schlauen Überzeugungstäter kommen auch vor. Aber Doerr interessiert sich eher für die Frage, wie harmlose, nette Jungs in den Sog gerieten. Wie Deutschland Menschenleben verschwendet hat, damals.

Werner, dessen Leben unter den denkbar schlechtesten Bedingungen beginnt. Er ist niemand, er besitzt nichts, er erwartet nicht viel. Aber zufällig findet er etwas, was ihn sich aufgehoben fühlen lässt. Radios zu reparieren, ihre Tücken und Fehler zu finden, sie zu bauen aus gefundenen Teilchen, sich vorzustellen, wie sie Menschen verbinden: Das wird sein Sinn des Lebens. Gute Voraussetzungen für die Nazis, ihn für ihre Zwecke einzuspannen. Ein Ausweg aus dem gefürchteten Bergarbeiterleben: Er wird sich nicht wehren. Höchstens innerlich daran zerbrechen. Doerr versteht ihn. So, wie er alle seine Figuren versteht, ihre Voraussetzungen, Einflüsse und Entwicklungen.

Flucht, Vertreibung, Demütigung, Gewaltexzesse: Fast lakonisch beschreibt Doerr die verrohende Welt. Im Kontrast dazu und mittendrin die Sehnsüchte, Hoffnungen und kleinen Freuden der  zweiten Hauptfigur, der Schneckensammlerin Marie-Laure, die mit ihrem Vater vor den deutschen Besatzern nach Saint-Malo geflohen ist. Dort sitzt sie irgendwann in der Falle, während um sie herum alles einstürzt.

Trotz bewegender Augenblicke hat mich bei der Lektüre aber immer auch das Gefühl begleitet, einem riesigen Konstrukt bei der Entstehung zuzusehen. Der Autor ist von einer Idee begeistert und zieht sie durch. Er hat ein wohldurchdachtes Puzzle aus Ereignissen und Begegnungen geschaffen, aus vielen verschiedenen Perspektiven erzählt. Alles zusammen führt auf das eine große Ziel hin: Die Begegnung der blinden Französin Marie-Laure mit dem viel zu jungen Wehrmachtssoldaten Werner. Wann? Wie? Warum? Wie lange?

Das herauszufinden ist unverzichtbar. Nie hätte ich das Buch weggelegt, ohne sein Ende zu kennen. Aber ich habe mich trotzdem nie ganz in der Geschichte verloren. Vielleicht, Geschmacksache, wegen der einfachen Sprache. Vielleicht wegen der Offensichtlichkeit der Konstruktion.

Aber dann:  Zum Ende hin und sogar darüber hinaus, bekommt Doerrs Idee überraschender Weise eine sehr emotionale Wirkung. Wie der Krieg sinnlos Menschen zerstört und Leben vergeudet – vor allem in seinen Nachkriegsepisoden wird es fühlbar.

Als ich geboren wurde, war der Krieg seit 28 Jahren vorbei. Aber es lebten noch Millionen Menschen, die ihn erlebt hatten. Menschen, die getötet hatten oder gequält worden waren oder beides; die aufeinander gehetzt worden waren und übermenschlich große Ängste ausgestanden hatten. Viele sprachen nie wieder davon. Als ob das eine Gesellschaft nicht prägen würde. Daran erinnert Doerr.

Und noch etwas: Der Autor lässt eine Frau im Jahr 1974 nach Frankreich reisen. Sie hat Angst, den Mund aufzumachen, weil sie fürchtet, man könnte ihren deutschen Akzent hören. Sie schämt sich. Als ich 1987 das erste Mal nach Frankreich fuhr, war es für mich genau so. 42 Jahre nach Kriegsende.

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