Jetlag im Frühling

Abflug

Ich bin so müde, dass ich eben der Butter in der Pfanne beim Schmelzen zugesehen habe, ohne es zu merken. Dann hab ich das Handy in den Kühlschrank gelegt und versucht, auf der Butterdose eine SMS zu schreiben. Fast.

Eine direkte Heimreise aus Neuseeland, also ohne Urlaub in Thailand und Wochenende in Sydney zwischendurch, ist lang. Und man sitzt sehr viel, in immer neuen Varianten derselben unbequemen Pose, was das Schlafen erschwert. Ständig ändert sich außerdem die Zeitzone – verwirrend! Dienstagnachmittag um drei sind wir zum Flughafen gefahren, Mittwochabend um sieben war ich Zuhause. Dazwischen vergingen mehr als 36 Stunden: eine im Auto, 24 im Flugzeug (auf drei Flüge verteilt), sieben an verschiedenen Flughäfen, viereinhalb im Zug.

Eine seltsame Art, seine Zeit zu verbringen. So ein Zwischenstadium, in dem sich außer den eigenen Gedanken und den Flugbegleitern nichts bewegt. Gut, das Flugzeug selbst natürlich. Manchmal sogar ziemlich heftig. 13,5 Stunden zwischen Melbourne und Dubai waren wir zum Sitzen verdammt, wegen Turbulenzen. Es rüttelte und schüttelte. Wer trotzdem zum Klo ging, wurde mit einer Sonderdurchsage über die Bordlautsprecher zur Raison gerufen: Wir meinen das ernst mit den Sicherheitsgurten, bitte wieder hinsetzen.

Die drei Kinder in der Reihe vor mir, die zwischen Auckland und Melbourne offenbar einen Pupswettbewerb veranstalteten, hätten ruhig aufs Klo gehen und dort bleiben können, finde ich. So aber stank es dort, wo wir alle saßen. Ich war kurz davor aufzustehen und zu sagen: Wer immer es ist, bitte sofort damit aufhören. Aber dann wollte ich doch lieber keinen Aufstand machen. Man wird so duldsam im Flugzeug. Als übernähme die Gewissheit, sich für die nächsten Stunden einer unabänderlichen Situation ausgeliefert zu haben, plötzlich die Hauptrolle im Gefühlsleben. Von Flugbegleitern angerempelt und mit Orangensaft übergossen? Macht doch nichts!

Auch, als ein Mann – ungefähr 27 Reihen vor mir – absurd laut nieste und mich damit aus dem Halbschlaf weckte, blieb ich ruhig. Ich nahm mir aber vor, die nächste Gelegenheit für eine öffentlich Grundsatzerklärung an alle Männer mit Niesproblem zu nutzen, und die kommt jetzt: Es ist, viele wissen das vielleicht nicht, überhaupt nicht nötig, das Niesen mit einem gewaltigen Urschrei zu verbinden. Gewaltige Urschreie erschrecken die Umsitzenden! Einfach nur niesen, das reicht völlig aus.

Auf dem längsten Flug, dem wackeligen, saß ich neben einem außerordentlich zuvorkommenden jungen Mann, der überhaupt nicht geniest hat. Wir sprachen kaum ein Wort miteinander, aber er verstaute Gepäckstücke für jeden, der es wollte, drehte mir die widerspenstige Weinflasche auf und bot der frierenden Frau an seiner anderen Seite seine Decke an. Der ideale Sitznachbar für einen Langstreckenflug: höflich und schweigsam. Bis zur Warteschlange vor dem Sicherheitscheck in Dubai, wo er mir plötzlich seine ganze brasilianische Lebensgeschichte erzählte. Dann gaben wir uns die Hand und wünschten uns gegenseitig ein schönes Leben.

Nur auf Reisen hört man so viele Geschichten von Menschen, die man nie wieder sieht. Und dann läuft man herum und weiß so viel von ihnen. Außer, wie es in ihrem Leben weitergeht. Der Brasilianer war auf dem Weg nach Hause zu seiner kranken Mutter. Er wollte sie zu sich nach Neuseeland holen, wusste aber nicht, ob sie das wollen würde. Würde sie? Ich werde es nicht erfahren.

Auch die Geschichte des vornehmen bärtigen Mannes, der mir in Frankfurt einen Euro geschenkt hat, hätte mich interessiert. Er wollte nicht, dass ich meinen Gepäck-Trolley mit der Kreditkarte bezahlen müsste. Ich hätte damit kein Problem gehabt, aber nein: Nehmen Sie doch bitte diesen Euro, sagte er auf Englisch mit mir unbekanntem Akzent. Ich wollte ihm das Geld ganz bestimmt am Gepäckband wiedergeben, wo ich meine deutschen Restmünzen aus dem Koffer holen wollte. Aber der Bart-Mann war offenbar Erster Klasse gereist, er bekam sein Gepäck zuallererst. Und verschwand. Er konnte den Euro vermutlich wirklich entbehren. Und er hatte nichts zu verzollen. Mehr weiß ich nicht von ihm.

Dabei gibt es doch nichts Interessanteres als die Geschichten anderer Leute. Es war kein Ziel meiner Reise, möglichst viele davon zu hören – es ergab sich einfach immer wieder. Nur Martin und Frida hab ich eigens interviewt; und außerdem Ben, einen französischen Cafébesitzer auf Koh Lanta. Dessen Geschichte zu erzählen steht noch aus. Es passierte soviel anderes zwischendurch, und dann war Thailand schon Reisevergangenheit. Aber ich werde das nachholen. Wenn ich wieder wach bin. Es gibt so viel zu tun, wenn ich erst wieder richtig wach bin!

In Neuseeland fängt gerade der Freitag an. Ich würde dort jetzt aufstehen, den Jeansrock aus Wellington und irgendein Top anziehen und barfuß nach draußen gehen, um mich am Duft des noch frischen Spätsommermorgens zu laben. Als ich heute Morgen aufgestanden bin, waren die Dächer noch von Raureif bedeckt. Aber dann kam die Sonne und es war Frühling. Der Frühling sollte immer auf den Sommer folgen.

1 reply »

  1. Wie schön, dass du wieder da bist! Wenn du dann aufgewacht bist, möchte ich gerne einen Tee mit dir trinken 🙂
    Komm gut zu Hause an und: von der jetzigen Warte aus betrachtet ist es doch gar nicht schlecht, dass der Sommer auf den Frühling folgt 🙂 Liebe Grüße

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