Wiedersehen an Kasse vier

Elena hat sich gefreut, mich wiederzusehen. Dass sie Elena heißt, weiß ich nicht offiziell, sondern weil es auf ihrem Namensschild steht. Oben links an ihrem REWE-Kittel. Bis zum Nachnamen bin ich noch nicht gekommen; der sieht kompliziert aus und und würde auffälliges Starren erfordern. Es wäre einfacher, sich richtig vorzustellen, aber darauf muss man erstmal kommen, an der Supermarktkasse.

Wir kennen uns schon lange. Beide jahrelang Spätschicht, meine immer etwas früher zu Ende als ihre, und dann fiel mir immer noch etwas ein, Chips oder Schokolade oder schon mal Müsli für morgen früh. Und weil ich nicht wollte, dass sie mich für eine von denen hält, die sie aus reiner Verpeiltheit um fünf vor 23 Uhr mit ihrem Wocheneinkauf nerven, hab ich ihr mal erzählt, dass ich auch gerade von der Arbeit komme. Zeitung. Ach, das fand sie interessant.

Seitdem: Ihr Jüngster ist acht und hatte mit seiner Mannschaft („Frag mich nicht: F- oder E- oder D-Jugend“) ein Fußballturnier gewonnen. Ob ich mal gucken könnte, wann der Bericht endlich käme. Habe ihr nicht gesagt, dass ich auf Lokalsportberichterstattung keinen Einfluss habe. Stattdessen am nächsten Tag mal im Lokalsport nachgefragt, aber da stand es dann auch schon drin. Am Abend holt sie die Zeitung aus dem Regal und zeigt mir ihren Sohn, stolz natürlich. Und leider dankbar, dabei hatte ich damit gar nichts zu tun.

Und sonst so: Treffe sie, diesmal tagsüber, mit einem Einkaufskorb voller Bücher vor dem Laden. Die hat sie ausgelesen und verteilt sie nun unter den Kolleginnen. Ich darf mal gucken: Sie mag dicke Liebesgeschichten in Blau und Krimis in Schwarz. Ein Büchertisch in der Supermarkt-Pausen-Ecke, das hatte ich nicht vermutet.

Unsere Gespräche manchmal denkbar schlicht: Na, Feierabend? Ja. Selbst auch bald, ne? Ja, noch 20 Minuten. Na dann, erhol dich gut. Ja, du auch. Danke, danke, Tschüs, Tschüs.

Aber meistens mindestens noch ein Satz, auf den ein Lachen folgt. Elena ist so witzig. Und so gut gelaunt. Manchmal lacht sie auch nur über sich selbst, weil sie über dem Geplauder kurz vergessen hat, was sie gerade tun wollte. Ach so, Wechselgeld, ja, hier, bitte. Sie kommentiert auch meine Einkäufe: Chips, soso. Oder: Oh, willst Du noch kochen? Bring mir ’ne Portion vorbei! Und jedes Mal grinst auch irgendeiner vor oder hinter mir in der Schlange. Elena ist unverdrossen. Und das ist nicht schlecht angesichts ständiger Spätschichten. Ich tippe, sie bringt ihre Kinder an den wenigsten Tagen selbst ins Bett.

Ich hatte mich nicht von ihr verabschiedet vor meiner großen Fahrt. Dachte, die Dekadenz würde sie vielleicht umhauen. Im Sommer gerade erst sechs Wochen in Amerika, und nun das: Es wären ein paar Erklärungen nötig geworden, die für halbminütige Treffen an der Kasse zu kompliziert sind. Also hab ich erstmal so getan, als wäre nichts.

Und jetzt bin ich wieder da. Es stehen noch sechs Leute vor mir in der Schlange, da sieht sie mich. Wir lächeln uns an, ihr Lächeln sagt: Gibt’s ja nicht, wo kommst du denn jetzt plötzlich her. Und dann: Ich hab mir schon Sorgen gemacht, sagt sie. Erst dachte ich noch, ach, die ist wieder im Urlaub, aber dann: so lange! Hätte fast die Polizei gerufen! Lacht aber dabei.

Scannt Joghurt, Äpfel und Topfschwämme ein, und ich erzähle ihr, wo ich war. Gibt’s ja nicht. Und die Arbeit? Ja, die Dinge ändern sich. Die anderen Kunden gucken schon ganz interessiert. Da sagt Elena, alles zusammenfassend und auf einen noch unbekannten, passenderen Zeitpunkt verschiebend: Naja, Hauptsache, du bist wieder da.

2 replies »

  1. Ach auch wieder eine schöne Geschichte Frl. Grankquist! Und das zeigt, dass die Menschen irgendwie doch aufeinander aufpassen – auch wenn die Bekanntschaft nur flüchtig ist. Ich hatte mal ein ähnliches Erlebnis, bei dem ich wirklich etwas gerührt war. Ich habe nur gedacht: die Welt ist schön und ich liebe die Menschen 🙂 Ach so und in ca. 3 Wochen (allerspätestens) können wir es mal wagen. Teechen? Käffchen? Küchlein? Dir noch einen wunderbar sonnigen Sonntag!

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