Von Meisen und Menschen

Meise

Die Sonne scheint auf meinen Schreibtisch. Eine Meise landet am Nistkasten vor dem Fenster. Schweigend und konzentriert, während die anderen Vögel hinterm Haus gurren, zwitschern und singen, als wäre ihr Leben ein einziges Fest. Die Amsel feiert am dollsten. Und zwischen alten, alten Gräbern blühen die Kastanien. Irgendwo dort unten wohnt auch ein Fuchs, einmal hat er abends einen Schrei von sich gegeben. Es ist Frühling in Berlin.

Wochenlang sind meine Gedanken nur ums Ein- und Auspacken und Wegwerfen und Behalten gekreist. Und um Dinge, die noch zu erledigen und zu besorgen sind. Zeige mir einen, dem das Spaß macht. Aber wenn dann Leute da sind, die das, was vom Aussortieren übrig ist, freiwillig in ein großes Auto tragen, und einer fährt den ganzen Kladderadatsch quer durchs Land, wo am Ende dann wieder Leute stehen und einfach so alles nach oben tragen, dann ist Schluss mit Umzugsgemecker. Macht auch viel mehr Spaß: Umzugshelferbejubelung.

Bahn

Und jetzt ist Berlin der Ort vor meiner Tür. Mehr Farbe an den Häusern als beim letzten Mal, außerdem mehr Dachwohnungen, mehr Tiefgaragen und Designläden, mehr Schweden, Dänen und Holländer. Und ein paar Polizeihubschrauber, Randale-Lage sondieren, wegen 1. Mai und so. Gab aber nichts Besonderes. Bei euch schmeißen sie doch Bio-Steine, hat ein Freund gesagt. Sogar die 18.000 traditionell revolutionär gesinnten Demonstranten in Kreuzberg kamen offenbar ohne große Straßenschlacht aus. Dieselbe Stadt, andere Zeit, und heute vor 70 Jahren war hier der Zweite Weltkrieg zu Ende. Je älter ich werde, desto weniger weit weg erscheint mir das.

Aus der Wohnung unter mir kommen Gulaschduft und Fernsehgeräusche durch die geöffneten Fenster. Da wohnt die Nachbarin, die mir gleich beim Einzug gesagt hat: Wenn mal was ist, kommen Sie einfach zu mir.

Erstmal gehe ich raus. Durch die Gegend laufen. Das Alte und das viele Neue angucken. Runter zur Volksbühne, Menschentraube davor. Leute gehen ins Theater. Ich gehe weiter. Der Fernsehturm glitzert in der Abendsonne. Im Spätkauf hält mich der spanische Verkäufer für eine Spanierin, ohne es näher zu erklären. In der Choriner Straße steht ein Haus, das aussieht, als wäre seit dem Mauerfall keine Zeit vergangen. Vor einem zweiten Spätkauf sagt ein junger Mann zu einem verwirrt wirkenden älteren: Mensch, wo hast du denn gesteckt?

Sahne

Sonne

Die Sonne beleuchtet alles. Ich gehe ihr entgegen und sehe minutenlang nur noch Konturen. Auf dem Kollwitzplatz spielen ein paar Teenager Fangen, vermutlich mit verliebten Hintergedanken. Es riecht nach Frühling. Flieder vielleicht? Als ich wieder in mein neues Treppenhaus komme – DDR-Bau, aus Weltkriegs-Ruinen auferstanden – steht das kleine Wesen auf der Fensterbank im ersten Stock anders als noch vorhin. Es sieht jetzt aus, als blickte es mir entgegen.

Wesen

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