Glücklich im Park

SweetDreams

Ich bin echt ein Blitzmerker. Seit sechs Jahren gibt es Karaoke im Mauerpark. Und jetzt entdecke ich es, als wäre es die Sensation des Tages. Schade, denn hätten meine neuseeländischen Freunde den Mauerpark vor zwei Jahren an einem Sonntagnachmittag erlebt, hätten sie nicht gefragt, inwiefern dieses struppige Gelände mit deutlichem Müll-Bestand ein Park sei.

Wären diese Freunde gestern mit mir dort gewesen, hätten sie vor lauter glückseligem Staunen vergessen, Fragen zu stellen. Sie wären einfach eingetaucht in diesen perfekten Tag, an dem der Frühling sich plötzlich wie der reinste Sommer anfühlte. Nur einmal brannte ein Müllcontainer, aber der sich im Hippie-Tempo anschleichende Feuerwehrwagen hatte kein Problem, sich seinen Weg durch die Menschenmenge zu bahnen. Es gab Applaus, als die Feuerwehrboys den Containerbrand gelöscht hatten.

Ich war mit einer Freundin, die sonst in einer kleinen Stadt am Meer wohnt, durch die Straßen gelustwandelt. Bis wir über den Falkplatz am Mauerpark angekommen waren. Dort drosselten wir unser Tempo noch mehr, guckten und mochten das Gucken. Menschen liefen, saßen und lagen hedonistisch herum. Spielten Boule, grillten, warfen sich Bälle zu, beobachteten die anderen, tranken irgendetwas, schaukelten auf den Schaukeln. Eigentlich nichts besonderes bei dem Wetter. Vielleicht war ich zu lange weggewesen, jedenfalls kam es mir plötzlich doch besonders vor.

Dann jubelte es von irgendwo. Eine große Menschenmenge, bislang unsichtbar, applaudierte begeistert. Aber wem und warum? Wir gingen und guckten weiter: Karaoke. Konnte das sein? Ja. Ein Mann mit Bart sang „Sweet Dreams“. Er stand vor mehreren Hundert Menschen, die in der Sonne auf den nach oben steil ansteigenden Stufen im Park saßen, also im Amphitheater. Der singende Mann war lustig, aber wirklich toll war das Publikum. Es sang inbrünstig mit, ein riesiger Eurythmics-Chor beschallte diese Ecke des Mauerparks.

Wir setzten uns, mit etwas Abstand zum Karaoke-Geschehen, an den Rand des Basketballfeldes. So hatten wir gleich mehrere Attraktionen des Nachmittags im Blick. Direkt vor uns spielten ein paar Typen sehr engagiert Basketball, dahinter sang diese glückliche Crowd ihre Lieder.

Basketball

Ich frage mich, wie lange die Menschen, die sich auf die Kopfsteinplaster-Bühne stellen und „Mamma Mia“, „Simply the Best“ oder „Yesterday“ singen, gebraucht haben, um sich das zu trauen. Manche singen richtig gut, manche überhaupt nicht. Einer, der sich „Stand by me“ ausgesucht hat, findet einfach die Melodie nicht. Der Moderator eilt zur Hilfe, singt dem Mann kurz direkt ins Ohr, und schon geht es besser. Ein Mädchen piepst mehr als es singt. Keiner lacht. Keiner buht. Jeder, der unten steht, bekommt diesen Jubelapplaus, nur in Nuancen unterscheidet er sich. Man möchte plötzlich alle Menschen gleichzeitig mögen.

Joe Hatchiban hat sich das ausgedacht. So nennt sich der Karaokemeister, der den Park zum Singen bringen. Er ist Ire, und er hat’s einfach raus. Ein Mädchen starrt beim Singen nur verschüchtert auf den Monitor: sanft dreht er es in Richtung Publikum. Und sie hält es aus, vor dieser Menge zu stehen.

Ein junger Typ singt „Living on a Prayer“, zwei Freundinnen von ihm sind mitgekommen, um das Publikum mit ihrer Tanzperformance zu unterhalten. Sie hüpfen herum, lassen ihre langen Haare kreisen, rudern mit den Armen – die Leute freuen sich. Der Typ kann zwar nicht singen, aber er kann gut dirigieren. Er teilt das Publikum in zwei Chöre, die sich gegenseitig antworten: Ohhooo, we’re half way there – Ohhoo, living on a prayer. Da stimmen sogar die beiden etwas älteren Frauen neben uns am Basketballfeld laut mit ein.

Die Basketballer kümmert das alles nicht. Die Ernsthaftigkeit, mit der sie in ihr Spiel vertieft sind. Die coolen Gesten. Das Abklatschen nach einem gelungenen Wurf: Sie genießen, unbeeindruckt von der ausgelassenen Karaoke-Kulisse, den Moment auf ihre eigene Weise. Ich stell mir ihre Mütter vor, die irgendwo sitzen und sich vielleicht fragen, was ihr Junge wohl an diesem Sonntag macht. Und ob es ihm gut geht. Ihm geht’s gut, will mir scheinen.

Wir können uns nur schwer losreißen, der Moment ist zu schön, und der nächste auch. Zum Flohmarkt kommen wir erst, als dort schon zusammen geräumt wird, und den Karneval der Kulturen hab ich auch verpasst. Es ist allerdings sowieso undenkbar, dass uns irgendetwas besser gefallen hätte als das hier.

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