Fahrraddiebe und Knausgård

Knausgaard

Mein Fahrrad ist weg. Geklaut. Es stand angeschlossen vor der Haustür, und dann plötzlich nicht mehr. Als müsste Berlin mir unbedingt schon nach sechs Wochen zeigen, dass es auch diese Seite hat. Stell Dein Fahrrad nachts in den Keller, sonst kann ich für nichts garantieren, sagt Berlin, und auch von anderen hatte ich das Lied schon mehrfach gesungen bekommen. Nur: der Keller ist umständlich und dunkel und außerdem ist dort kürzlich erst eingebrochen worden. Man hat Fahrräder aus verschlossenen Räumen entwendet.

Ich habe überlegt, ob ich fortan einfach zu Fuß gehen soll. Flanieren und Berlin: War das nicht sowieso eine romantische Sache? Leider werde ich nicht immer genug Zeit für diese Art von Romantik haben, die Fahrradfrage wird also noch gelöst werden müssen. Aber zuerst lese ich mein Buch zu Ende. Denn längst nicht alles, was in den vergangenen zwei Wochen passiert ist, war schlecht. Zum Beispiel habe ich endlich gemerkt, wie toll Karl Ove Knausgård ist. Oder genauer: das, was er schreibt.

Karl Ove Knausgård ist ein norwegischer Schriftsteller-Weltstar. Ich habe irgendwie verpasst, wann und wie die Begeisterung für ihn so international geworden ist. Seine wichtigsten Bücher (mehrere davon) heißen „Min kamp“, also „Mein Kampf“. Aber nur auf Norwegisch. In der deutschen Übersetzung hat man sich etwas Unverfänglicheres einfallen lassen: Sterben (Band I). Lieben (Band II). Spielen (Band III). Geht auch, finde ich.

Ich habe eine Schwäche für Norwegen. Das liegt an meiner Vergangenheit: Austauschjahr, mit 16. Und wenn es nicht schon sowieso so viele Gründe geben würde, sich über diese weise Entscheidung meines jugendlichen Ichs zu freuen: Knausgård jetzt auf Norwegisch lesen zu können, dafür allein hätte es sich gelohnt. Ich habe „Min kamp. Første bok“ vor drei Jahren auf dem Flughafen von Bergen gekauft. Merethe, bei der ich zu Besuch gewesen war, hatte mir von diesem Knausgård erzählt und von seinem großen Erfolg mit Romanen, deren Hauptfigur Karl Ove Knausgård heißt. Er erzählt sein Leben.

Auf dem Rückflug habe ich die ersten Seiten gelesen. Es ging um den Umgang mit dem Tod in unserer Kultur. Oder besser: um das Verstecken der sichtbaren Folgen des Todes. Mehr so essayistisch. Das war nicht schlecht, aber auch nicht so gut wie das, was folgte, als der Erzähler endlich zu erzählen anfing. Dass es dann richtig wunderbar werden würde, so gut, dass man immer weiter lesen möchte und sich fühlt wie jemand, der beneidet werden müsste um seine Entdeckung – das habe ich jetzt erst gemerkt. Als ich das Buch wieder aus dem Stapel der angelesenen Bücher hervorgezogen habe.

Nur zwei Seiten mehr gelesen als beim ersten Versuch, und schon fühlte ich mich magisch verbunden mit der Welt von Karl Ove, der das Leben kennenlernt, und zwar in den 70er- und 80er-Jahren. Tristesse und Schönheit. Je nach Stimmungslage. Zum Leben erweckt: die norwegischen Besonderheiten dieser Kindheit ebenso wie das, was vermutlich überall in Westeuropa gleich war. Immergültige Teenagererfahrungen. Viel Verlorensein, aber mit Liebe betrachtet. Das gefällt mir wirklich sehr.

Ich habe herausgefunden, dass ich gegen Fahrraddiebstahl versichert bin, was gut ist. Glück im Unglück hat aber irgendwie nicht die gleiche Wirkung wie einfach nur Glück. Macht nichts. Einfach nur Glück gibt’s ja beim Lesen.

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