Berlin ist immer da

Ich habe ein neues Fahrrad. Gebraucht gekauft bei Leuten, die sich Bike-Piraten nennen, mir aber sehr seriös eine Quittung mit Rahmennummer überreichten. Piraten scheint mir trotzdem der richtige Name für sie zu sein: Es umfließt diese ewig jungen Männer so eine unabhängige Aura. Sie haben sich offenbar eine eigene kleine Welt gebaut, in der Radfahren, das Wissen über Radfahren und das gemeinsame Schrauben an Fahrrädern das Wichtigste ist. Und weil ihr Wichtigstes so einfach zu haben ist, sind sie glücklich.

Bitte um Nachsicht für die möglicherweise vereinfachte Darstellung. Ich habe mich dort insgesamt höchstens 15 Minuten aufgehalten. Es war ein Fahrradkauf en passant. Trotzdem habe ich mich umgeguckt und meine Schlüsse gezogen, weil es mir Spaß macht, Schlüsse zu ziehen. Zum Beispiel: Was außerhalb der Fahrrad-Welt passiert, ist für die Piraten nicht besonders wichtig. Sie residieren in ihrem Laden und lassen die Welt zu sich kommen. Halten Audienz, weil sie sicher sein können, die Nachfrage wird nie verebben.

Stetig kommen neue Ahnungslose, wie ich, verlangen Expertise, brauchen ihre Hilfe. Und die Piraten sind großzügig. Teilen ihr Wissen. Ihr Nettsein gegenüber denen, die Fahrräder nur als nützlichen Gebrauchsgegenstand sehen, hat eine missionarische Note, bleibt aber unaufdringlich. Vermutlich macht es sie froh, wenn sie wieder jemandem erklären konnten, dass man in der Stadt eigentlich vor allem diese paar Gänge hier braucht.

Solchen Leuten glaube ich ja alles. Auch, dass sie die linke, irgendwie schiefe Tretkurbel gerichtet haben. Das Licht funktioniert immerhin, und die Bremsen erst! Beim alten Fahrrad musste ich zum Bremsen rechtzeitig das Treten einstellen und dann bei passender Gelegenheit abspringen.

Jetzt aber bin ich perfekt belichtet und bebremst nach Kreuzberg gefahren. Zu einer Sause mit der Verwandtschaft. Es war schon spät, als ich mich auf den Heimweg machte. Mitten in der Nacht war es. Ich fuhr und fuhr, bewegte mich und damit das neue Fahrrad, kam voran. Die breiten Straßen, umgeben von altmodischen Hochhäusern oder transformierten Industrieanlagen, hatte ich mir vorher im Dunkeln unheimlich vorgestellt. Waren sie aber gar nicht. Leute liefen herum, Autos fuhren vorbei, dann wieder war es still. Aber Berlin war noch da. Ist immer da.

Über die Spree fuhr ich, im Dunkeln, und links hinten leuchtete der Fernsehturm. Direkt vor mir schimmerte das Wasser. Alles kam zusammen und war schön. Ich fragte mich: Warum habe ich so lange gebraucht, um zurück zu kommen?

PS: Die Antwort ist einfach. Das Leben war mal wieder so, wie es war.

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