Lieblingsbuch: Das fliegende Klassenzimmer

DasFliegendeKlassenzimmer

Als ich im April meinen Umzug vorbereitete, wurde ich nach Tagen des Aufräumens, Sortierens und Einpackens etwas nachlässiger, was das Aufbewahren von Dingen anging. Das galt auch für Bücher. Ich kam an den angsteinflößenden Punkt, an dem ich bereit war loszulassen.

Unter den Büchern, die ich hinter mir ließ, waren solche, von denen ich vor 20 Jahren einmal gedacht hatte, ich würde sie brauchen. Musikpsychologie. Ein Handbuch. Und solche, die zu besitzen mir etwas peinlich war. Rosa Romantik-Schmonzetten. Dann welche, die ich emotionslos nach der Hälfte der Lektüre zur Seite gelegt hatte. Das passiert eben. Aber auch unterhaltsame sortierte ich aus. Meist Krimis, vorrangig schwedische: Ich kannte ihre Pointen und wusste, das Bedürfnis zum Wiederlesen würde nicht kommen. Also konnte ich sie Leuten geben, die die Pointen noch nicht kannten.

Das kann man nicht mit allen Büchern machen. Manche müssen im Regal stehen, weil sonst etwas nicht stimmen würde. Das Fliegende Klassenzimmer gehört dazu. Obwohl ich seine Pointen in- und auswendig kenne. Ich habe es mit acht Jahren geschenkt bekommen, vom Rektor der evangelischen Grundschule, der auch unser Nachbar war. Und konfessionell großzügig, denn er hat es mir zu meiner Erstkommunion geschenkt. Er lebt nicht mehr, sonst wäre das jetzt eine gute Gelegenheit gewesen, ihm endlich zu sagen, dass das ein Knaller-Geschenk war. Eins fürs Leben.

Das fliegende Klassenzimmer war der erste Roman, den ich gelesen habe. Also, Kinderroman, ja. Aber was für einer. Ich erinnere mich gar nicht an das allererste Mal, als ich es las. In meiner Erinnerung kannte ich es immer schon. Die Geschichte fängt mit dem seltsamen Satz Zweihundert Schemel wurden gerückt an. Schemel! Was war das überhaupt für ein Wort! Ebenso: Angströhre, Primus, Oberprimaner, Stubenältester, Infanteriekaserne, Zapfenstreich. Das waren fremde, rätselhafte Dinge. Ich nahm sie einfach hin, bis ich Jahre, zuweilen Jahrzehnte später auch das letzte Rätsel gelöst hatte – durch schlichtes Älterwerden.

„Sie halten sich für die Erdachse“, sagt der schlaue Sebastian über die angeberischen Primaner, die die Turnhalle nicht räumen wollten. Sehr lange habe ich an der Stelle gedacht, das müsste eigentlich Eidechse oder Erwachsene heißen. Erdachse? Erd-Achse, wie mir irgendwann aufging. Auch nach Jahren gab es hier Neues zu entdecken. Aber viel wichtiger war es, immer wieder die vertrauten Lieblingssätze, besten Scherze, schönsten und berührendsten Szenen zu lesen.

Wie Martin den Primanern Bescheid gibt, beispielsweise. Ein Satz, der sich mir für immer eingeprägt hat: Bilden Sie sich bloß nichts darauf ein, dass Sie zufällig ein paar Jahre älter sind als wir! Eine starke Szene für die junge Leserin: Es geht um die Arroganz der vermeintlich Stärkeren, die sich das Recht herausnehmen, die vermeintlich Schwächeren zu schikanieren. Ungerecht! Das lässt sich Martin nicht gefallen, und seine Freunde lieben ihn dafür. Ich am allermeisten.

Es gibt zwei Szenen aus dem Buch, die sich in meinem Kopf mit Bildern aus dem Film von 1973 vermischen, so dass ich sie schwer auseinander halten kann. Die eine: Da stehen die bedröppelten Jungs vor ihrem geliebten Hauslehrer Justus (Joachim Fuchsberger in seiner allerschönsten Rolle). Sie haben Quatsch gemacht und müssen sich nun dafür verantworten. Was haben sie getan? Das Internat unerlaubt verlassen, um einem Freund in Not zu helfen. Sie wurden erwischt vom Schönen Theodor, dem Primaner-Blödmann, der sie natürlich gleich verpetzt.

Der Justus hört sich die ganze Geschichte an, von den entführten Diktatheften und der Befreiung des gefangenen Professorensohnes Kreuzkamm. Schimpft er? Natürlich nicht. Er ist ganz nachdenklich, weil er das Gefühl hat, dass seine Schüler ihm nicht ausreichend vertrauen. Er will, dass sie merken: Er versteht sie, er war selbst mal ein Kind, er weiß, dass Freundschaften wichtiger sein können als Schulregeln. Also erzählt er selbst eine Geschichte. Sie handelt von zwei besten Freunden, die vor langer Zeit in eben dieses Kirchberger Internat gegangen waren. So sehr waren sie füreinander da, dass sich der eine einmal im Karzer (noch so ein fremdes Wort!) einsperren ließ, damit der andere, der dort eigentlich eine Strafe absitzen sollte, seine kranke Mutter besuchen konnte.

Obwohl Erich Kästner ein feiner Ironiker ist: Bei Freundschaft hört der Spaß für ihn auf. Da wird er zum Prediger, und er predigt gut. Ich kann diese Stelle nicht lesen, ohne, dass sie mich berührt. „Für den Mann da oben laß ich mich, wenn’s sein muss, aufhängen“, sagt übrigens Matthias nach dieser Begegnung. Er meint das als Liebeserklärung.

Die zweite Szene, in der ich Joachim Fuchsberger vor mir sehe, ist die Wiedervereinigung mit dem besten Freund, von dem Justus‘ kleine Geschichte gehandelt hatte. Die Schüler verstanden: Es ist der Nichtraucher, ihr rätselhafter, väterlicher Freund aus dem Eisenbahnwaggon. Ich sehe sie sich im Geiste vor diesem Eisenbahnwaggon umarmen, Fuchsberger und Heinz Reincke. Dabei umarmen sie sich im Film in der Turnhalle, wo der Nichtraucher gerade für die Kinder eine krasse Solo-Version von Händels Messias-Halleluja intoniert hat. Junge. Dass ich dich endlich wieder habe. Das sagt der Justus im Buch. Ein Freund von mir findet die Stelle noch besser, als Martin und Johnny sich nach der erfolgreichen Zusammenführung der alten Freunde die Hand geben zu einem stummen Versprechen. Wenn ich es mir recht überlege, hat er vielleicht recht.

Nichtraucher

Wieviele Menschen gibt es wohl, die gar nicht wissen, wovon ich rede? Gibt es Menschen, die bislang ohne die Szene auskommen mussten, wie der Hauslehrer dem armen Martin das fehlende Geld für die Heimreise zu Weihnachten schenkt? Und wie das Kind als erstes zu seinen überglücklichen Eltern sagt: Das Geld für die Rückfahrt hab ich auch? Ich könnte ewig weiter erzählen, wie eine alte Tante mit ihren „Weißt-du-noch-Geschichten.“ Beschränke mich lieber darauf zu erwähnen, wie ich sehr spät erst das Vorwort dieses Buches entdeckt habe. Ich war schon als Kind kein Fan von Vorworten. Bis heute nicht. Denke: Los, los, die Geschichte soll endlich anfangen. Aber irgendwann war ich es leid, immer wieder an diesem Vorwort vorbeizublättern auf der Suche nach Zweihundert Schemel wurden gerückt.

Und dann las ich Kästners Appell an die Kinder: Vergesst eure Kindheit nicht, versprecht ihr mir das? Er sieht die Erinnerung als Mittel gegen eine Welt, in der Erwachsene Kinder und ihre Sorgen nicht ernst nehmen. Sehr modern, der Mann. Lacht nicht über Kindertränen, sagt er. 1933 ist das Buch erschienen. Da könnte ich Erwachsenentränen vergießen.

Fun Fact: Es kommt im ganzen Buch kein einziges Mädchen vor. Und als Uli für seine angebliche Mädchenhaftigkeit ausgelacht wird, wagt er aus Verzweiflung seinen lebensgefährlichen Regenschirm-Absprung. Ob mich das je gestört hat? Nein, mir hat es völlig ausgereicht, dass Matthias den Jungs begeistert von seiner Tante erzählt, die boxen kann.

PS: Oh, dies ist die 100. Geschichte im Büro für alles was das Herz begehrt, erfahre ich gerade. Ich freu mir.

6 replies »

  1. Liebes Frl.Grankvist,
    was für ein Zufall. Erst gestern war ich in München auf dem Bogenhausener Friedhof,u.v.a. Persönlichkeiten, liegt auch Erich Kästner dort begraben.
    Wünsche Ihnen weiterhin viele gute Ideen und eine supergute Zeit.
    Waltraud

  2. Liebe Frl. Grankvist,
    wie wunderbar. „Vergesst eure Kindheit nicht“ – wahrscheinlich gehöre ich zu denjenigen, die zu häufig an ihre Kindheit denken. Das Erwachsenenleben ist manchmal nicht so schön und Dinge verändern sich, die doch für immer so bleiben sollten wie sie waren.
    Weil ich mich auch sehr gut an das „Klassenzimmer“ (bei mir was ein Hörspiel auf Platte) erinnere, möchte ich Dir noch einen Tipp geben. Die Fuchsberger-Version ist super, aber schau Dir auch den Schwarzweißfilm mit Paul Dahlke als Justus an. Die Szene mit dem Fahrtgeld ist so echt, dass … Schau selbst.
    Liebe Grüße

    Dein Schulfreund Matthias (Lass Dich nicht durch den Nickname verunsichern, da war ich ein bisschen bräsig. Muss es noch ändern.)

    • Lieber Matthias, ach nein, es gibt kein Zuviel beim An-früher-Denken. Hab ich gerade beschlossen. Ist doch schön, es im Blick zu haben. Woher alles kommt und so. Und Danke für den Tipp, ich hatte den alten Film sogar auch schon gesehen. Stimmt, Paul Dahlke ist auch ein guter Justus. Und Peter Kraus ist ein sehr ernster, R-rollender Johnny Trotz. Kennst Du die jüngste Verfilmung, mit Sebastian Koch als Nichtraucher? Kaum wiederzukennen, sage ich dir, und ich glaube, das war ein Zitat. Jemand sagt das über die Diktathefte. Ach ja, Professor Kreuzkamm… Dein Nickname war übrigens super, der neue ist es auch. Bis bald!

  3. Eines der Bücher, die ich nie weggeben könnte und immer wieder lesen möchte. Mich hat übrigens auch nie gestört, dass da keine Mädchenfigur auftaucht, im Gegenteil, es ist mir zum ersten Mal beim Lesen deines Textes aufgefallen… Liebe Grüße von Doris

    • Liebe Doris, mir ist das auch sehr spät erst bewusst geworden. Er schafft es eben irgendwie, trotzdem jeden anzusprechen. Schön, dass es Dir auch so ging. 🙂 Liebe Grüße!

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