Es ist 1996 …

… im Oktober. Ich ziehe mit K. nach Berlin. Und schreibe darüber eine kleine Geschichte für den Blog. Naja, nicht direkt. Aber als ich diesen Text heute an einem entlegenen Ort meines Computer fand, dachte ich: Der kann auf seine alten Tage noch schön gepostet werden. Ich sage gerne dazu, dass sich meine Trinkgewohnheiten geändert haben. Und das Studium ist seit mittlerweile anderthalb Jahrzehnten erledigt. Außerdem hatte ich bei meinem letzten Umzug viel mehr Helfer. Aber das alte Lied von Berlin – das ist wohl immer dasselbe. Hier entlang zur Zeitreise:

1996

Sonntag Abend. Berlin. Es regnet. Die Frisur hält nicht, und das ist mir völlig egal. Alles, was mich jetzt noch interessiert, ist: Wo sind all die angekündigten Umzugshelfer? Und wenn nirgends – was dann? Wie bekommen wir nun zu dritt, Freundin und nunmehr Mitbewohnerin, Freund der Freundin und ich, das Hab und Gut zweier halberwachsener Menschen durch die von oben strömenden Wassermassen und den dunklen Hinterhof in den vierten Stock? Wo doch der Freund der Freundin wegen Rückenproblemen gar nicht so schwer heben soll! Außerdem sind wir immer noch erledigt vom Beladen des Autos heute Morgen…

Heute Morgen? Länger ist es noch nicht her, seit wir unsere Bis-dahin-Wahlheimat irgenwo in der hessischen Provinz verlassen haben? (Die berühmte Berliner Arroganz dem Rest der Republik gegenüber – schnell gelernt, was?) Mir scheint, es müßten Zeiten und Welten dazwischen liegen, und doch waren es nur 500 km, drei Staus, fünf Stimmungsschwankungen, mehrere Radiosender (von HR3 über NDR2 bis hin zu irgendeinem dieser vielen Berlin-Sender) und einige Umzugszigaretten bis hierher, Berlin-Kreuzberg Ex-61.

Wir stehen vor dem offenen Lieferwagen und wollen den Mut nicht verlieren. Da! biegt doch noch ein treuer Freund um die Ecke, hat uns nicht vergessen, will helfen, das darf er. Los geht´s. Schon nach dem zweiten Gang nach oben und wieder zurück sind meine Beine so schwach, daß ich glaube, nicht einmal ohne einen meiner leider so vielen Kartons ein weiteres Mal die 89 Stufen erklimmen zu können. Ich muß versuchen, mir nichts anmerken zu lassen, erstmal oben ein paar Sachen hin und her schieben, beschäftigt aussehen, Luft holen.

Nach einer Stunde eine Bierpause, endlich. Das im 6erConti ganz besonders billige Zeug mit Namen „Park-Pils“ hat den fantastischen Jetzt-ist alles-egal-Hauptsache-flüssig-Geschmack und macht uns sehr glücklich. Die Freude wächst ins nahezu Unermessliche, als wir feststellen, daß jeder nur noch ca. zweimal laufen muß.

Kaum eine halbe Stunde später ist der Triumph wahrhaftig perfekt. Alles ist oben – was spielt es da für eine Rolle, daß das meiste noch mal das Zimmer wechseln muß, bevor es aufgebaut und ausgepackt werden kann.

An Sekt haben wir leider nicht gedacht, stattdessen gibt es Tee, und der macht eine Wohnung auch in diesem Zustand gemütlich.

Dann sitzen wir da, und wir können wieder anfangen zu denken. Warum sitzen wir noch gleich hier? In Berlin, der Stadt, deren Bibliotheken die Geschlechtertrennung bei den Toiletten abgeschafft hat, weil Putzenlassen so teuer ist? Wir wollen hier studieren, doch war nicht genau das im letzten Semester unmöglich, weil es wichtigeres gab – Proteste gegen Sparmaßnahmen und Semestergebühr? Ist nicht Berlin die lauteste, schwierigste Stadt Deutschlands? War es nicht eigentlich zu Hause doch ganz schön? Was haben wir getan???

Wir geben es zu: Wir haben uns eingereiht. Wir sind zu den Tausenden (Millionen?) gestoßen, die dem scheinbar nie enden wollenden Sog dieser Stadt im Laufe ihrer Geschichte gefolgt sind.

Nur hier lebt man am Puls der Zeit. Nur hier passieren die wirklich wichtigen Dinge. Kultur? Sowieso nur in Berlin. Zugegeben, diese Gründe zählten auch für uns. Aber das ist gerade nicht so wichtig.

Im Moment läßt sich nur sagen, daß hier die Mietshäuser ein bis zwei Stockwerke höher sind als da, wo wir herkommen. Alles andere muß uns später überzeugen, und wir werden uns gerne überzeugen lassen. Dieser Berliner Abend aber, unser erster, ist ein ganz privater. Nichts Weltbewegendes. Tee, Freunde, Umzug geschafft, und die Wohnung heißt uns willkommen. Für den Anfang sind wir damit vollkommen zufrieden.

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