Jonathan Franzen liest vor

Eintrittskarte

Ich las am Samstagvormittag auf dem Weg zur Arbeit bei Twitter, dass am Abend Jonathan Franzen in der Akademie der Künste aus seinem neuen Roman lesen würde. Jonathan Franzens Schreibkunst ist von der Sorte, die mich beim Lesen zuweilen beeindruckt kichern lässt. (Doch, das geht.) Ich dachte: Die Chance, ihn zu sehen, hätte ich in unserer kleinen Stadt nie gehabt. Diesen Gedanken wiederholte ich den Tag über, um nicht am Abend der Versuchung zu erliegen, schnell nach Hause zu fahren und mich aufs Sofa zu legen. Es wirkte.

Ich war genau rechtzeitig mit der Arbeit fertig, kaufte mir im Supermarkt Proviant, suchte mir auf dem Handy den Weg und stellte mich am Ziel in die sehr lange Schlange. Das allein war schon so anders als das, was ich sonst an diesem Abend getan hätte, dass ich mich ausreichend erfrischt und belohnt fand. Aber es kam noch besser. Nach nur einer halben Stunde des Wartens bekam ich ganz einfach eine Eintrittskarte. Für die billigen Plätze hinter der Bühne, mit Aussicht auf den Rücken des Stargastes.

Frohen Mutes verzehrte ich in der verbleibenden Zeit meinen Proviant – da stand plötzlich T. vor mir. Wir hatten vor etlichen Jahrhunderten zusammen Abitur gemacht. Heute ist er Literaturkritiker. Man kann kaum von einem Zufall sprechen, es war schließlich eine Franzen-Lesung. Aber trotzdem: Hurra! Wir zogen los, das Erlebnis zu teilen, er ganz vorne auf der richtigen Seite, ich hinten in der Holzklasse.

Der Akademie-der-Künste-Mann sprach einleitende Worte und sagte: Handyfotoverbot. Der Schauspieler Ulrich Mathes sprach einleitende Worte, von denen ich nur noch weiß, dass Jonathan Franzen gerne Vögel beobachtet. Ein berühmter Literaturexperte, ich nenne ihn hier W., sprach ebenfalls einleitende Worte, aus denen klar wurde, dass er a. den Schriftsteller schon lange kennt und ihn John nennen darf, b. der Schriftsteller mal in Berlin studiert hat und mit dem Schriftsteller Jeffrey Eugenedes zumindest bekannt ist und c. es nun losgehen würde.

Jonathan Franzen ist ein großer, schlanker Mann mit Aktentasche, ergrauendem Haar und Brille. Typ Lehrer, aber von der Sorte, die nichts mehr erschüttern kann. Es erschütterte ihn allerdings dann doch, dass er 150 Leute direkt im Rücken sitzen hatte. „Das sind sicher die Halbpreis-Karten“, sagte er in seinem eigentlich glänzenden Deutsch, das nur ein ganz kleines bisschen unter akutem Präsentierbewusstsein zu leiden schien. Die Leute im Rücken des Autors waren ihm dann so sympathisch (sie lachten besonders viel, vielleicht deshalb), dass er sich ihnen immer mal wieder freundlich zuwandte.

Warum ist es etwas Besonderes, einem Schriftsteller beim Lesen zuzuhören? Weil er derjenige ist, der das, was er da liest, geschaffen hat. Es wäre ohne ihn nicht existent. Ich kannte Jonathan Franzens neuen Roman noch nicht. Also hörte ich jeden vorgelesenen Satz zum ersten Mal. Er las unter anderem einen Mutter-Tochter-Dialog. Auf Deutsch. Gut las er, ein bisschen ungelenk nur und zuweilen mit überraschenden Betonungsweisen, was aber nichts daran änderte, dass das, was er las, plötzlich als etwas Wirkliches und Wahres im Raum stand. Oder in den Köpfen der Zuhörer. Oder zumindest in meinem.

Da waren eine Mutter und eine Tochter, die sich in jahrzehntelang eingeschliffenen Rollen bewegten und einander offenbar mit immer denselben Methoden verletzten und trösteten. Zwei echte Menschen, die sich am Telefon unterhielten. Sie waren da, weil Franzen sich diesen Dialog ausgedacht hatte und jetzt vor uns saß und ihn las. Ein magischer Moment, zumindest für mich. Vermutlich waren auch Gäste im Saal, die den Abend genossen haben, ohne gleich an Magie zu denken. Das macht nichts, die Menschen sind eben verschieden.

Nach der Lesung fuhren T. und ich zwei Stationen mit der S-Bahn und gingen dann den Rest des Weges zu Fuß. Über die Museumsinsel und weiter Richtung Norden. Und wir sprachen über Franzen und die Lesung und welche Fragen wir ihm gestellt hätten, hätten wir es bloß zu sagen gehabt auf dieser Bühne und nicht W., der Experte. Dann sprachen wir über alte Zeiten, natürlich. Und plötzlich sah ich uns wie von oben. Oder als säße ich im Kino.

Der Film, der lief, handelte von zwei Menschen um die 40 und davon, was aus ihnen und ihren Träumen geworden ist. Sie liefen durch das herbstliche Berlin und reden über Bücher und über das Leben. Sich diesen Moment auszumalen und all die Ereignisse und Entscheidungen, die zu ihm geführt hatten, das hätten sie als 20-Jährige nicht vermocht. Ebenso wenig wie sich vorzustellen, wie sich das Leben mit 40 überhaupt anfühlen würde. In diesem kleinen Moment konnte ich plötzlich alles gleichzeitig sehen: Die notwendige Ahnungslosigkeit unserer 20-jährigen Ichs, und das Glück, das wir seither hatten. Ist doch alles ziemlich gut gelaufen. Und es war die Entscheidung, Jonathan Franzens Lesung zu besuchen, die dazu führte, dass ich mich mal wieder daran erinnerte.

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