Ein Antiquar, kein Blumenhändler

Um die Geschichte des Antiquars fortzusetzen, muss ich zuerst einen Schritt zurückgehen und das bisherige Ende verändern. Damit es besser zu dem passt, was kommen soll. Jetzt geht es los:

Der Mann konnte auch von Rosamunde Pilcher in meine Wohngegend gesetzt worden sein. Das sähe ihr ähnlich. Ich beschloss, der Sache auf den Grund zu gehen. Machte ein paar Schritte, ging die Stufen hinauf, drückte die Klinke: verschlossen. Ich sah auf das Schild mit den Öffnungszeiten. Sollte die verschlossene Tür den Reiz erhöhen? Ich klopfte auf das dunkle Holz. Gleich darauf hörte ich, wie der Schlüssel im Schloss gedreht wurde.

Er war viel jünger, als ich es von einem Antiquar erwartet hätte. Schmale Gestalt, helle Augen, helles Haar, das bereits den Rückzug andeutete. Dass dieser Mann in seinem Leben schon viel gelesen hatte, sah ich sofort. Sein Blick war wissend und schüchtern zugleich. „Darf ich reinkommen?“, fragte ich. „Ja, bitte“, sagte der Antiquar. Er trat von der Tür zurück mit einer einladenden Geste, trotzdem fühlte ich mich wie ein Eindringling. „Sie haben doch geöffnet, oder?“, fragte ich. Er strich sich mit einer Hand über den Kopf, sah kurz zur Wand, auf die alten Drucke vielleicht oder durch sie hindurch, dann wieder zu mir.  „Wir machen eigentlich erst Mitte November richtig auf“, sagte er.

„Oh“, sagte ich, „das steht aber nirgendwo.“ „Nein.“ „Vielleicht könnten Sie es an Ihre Ladentür schreiben, sonst verwirrt es die Leute.“ „Ja?“. Der Antiquar verschwand halb in der Tür zum Hinterzimmer. Als er wieder hervor kam, hatte er eine Tasse in der Hand. „Sehen Sie sich ruhig um“, sagte er, ohne auf das Problem mit seinen Öffnungszeiten einzugehen. „Wir haben hier Literatur, da etwas Architektur.“ „Schöner Raum“, sagte ich. „Ja, nicht wahr? Ein paar Regale kommen noch“, sagte er, „ich bin noch nicht ganz fertig.“ Er ließ mich zwischen den wenigen Regalen alleine zurück.

Ich konnte sehen, dass er nicht weiter arbeiten würde, solange ich im Laden war. Genauso wenig, wie ich selbstvergessen seine Bücher durchblättern konnte. Zwei Menschen, die sich von der Nähe anderer zu schnell ablenken ließen: Solche erkannten einander sofort. Und das steigerte die Ablenkung weiter. Ein paar andere Kunden hätten geholfen, aber es kam kein weiterer. Ich stand verwirrt zwischen den beiden Regalen in der hintersten Ecke und versuchte zu erkennen, was ich sah.

Brecht, Kalendergeschichten. Der jüdische Almanach aus einem Jahr, dass ich ohne Google nicht dem Gregorianischen Kalender zuordnen konnte. Aus den Regalen roch es nach einer Welt ohne Google, ich ließ das Handy in der Tasche. Pippi Langstrumpf, Band I, von 1959. Der fehlte mir noch zu Hause. „Preise stehen noch nicht drin, oder?“, sagte ich laut, an den Antiquar gerichtet. Er hatte sich zurück an seinen Schreibtisch gesetzt, die Tasse in der Hand, aus der er nicht trank, auch ansonsten tatenlos. Jetzt stand er auf, kam mir entgegen. „Das mache ich nach und nach, ist noch nicht fertig“, sagte er. „Soll ich Mitte November nochmal wieder kommen?“, fragte ich. „Nein, nein“, sagte er, „warten Sie.“ Er nahm mir das Buch aus der Hand, besah es sich einmal von allen Seiten und sagte das Seltsamste, das je ein Mensch mit einem Pippi-Langstrumpf-Band in der Hand gesagt hatte: „Ist das ein Kinderbuch?“.

„Ähm, ja“, sagte ich. „Ach so, ja“, sagte er. „Jaja, die alte Frau Oetinger, die ist glaube ich kürzlich gestorben, fast 100-jährig, die war mit Astrid Lindgren befreundet“. Das hatte ich nicht gewusst. „Was würde das Buch kosten?“, fragte ich. „Ach“, sagte er und blätterte fahrig in den Seiten, „das ist zu vernachlässigen, nehmen Sie es mit und kommen Sie einfach wieder, wenn Sie noch etwas anderes haben wollen.“ Nein, das ging doch nicht. „Was meinen Sie mit mitnehmen?“, fragte ich. Er sah das Buch an, dann mich. „Zwei Euro, wäre das okay?“ Ja, das sei okay, bestätigte ich, er gab mir das Buch, ich gab ihm das Geld, dann machte ich ein paar Schritte halb rückwärts in Richtung Tür. Meine Gedanken waren immer noch mit dieser Begegnung, mein Blick mit diesem Raum beschäftigt. Die beiden Coctail-Sessel, die Bilder, der Computer auf dem massiven Schreibtisch. Er konnte sehen, dass meine Neugier noch nicht gestillt war. „Ich habe lange nach einem Raum mit viel Fensterfläche gesucht“, sagte er, „ich dachte, das wäre schön. Zuhause wurde es etwas eng.“ „Sie haben vorher von zu Hause aus verkauft?“ „Ja“. „Viel Laufkundschaft hatten Sie da aber auch nicht.“ „Nein, es geht nicht um die Laufkundschaft. Meine Kunden, also die, von denen ich lebe, die rufen mich an.“

Ich war gleichzeitig erleichtert und beschämt. Um diesen Antiquar musste ich mir keine Sorgen machen: Er wusste, was er tat. Und wie ahnungslos ich gewesen war! Natürlich hätte sich der Mann keinen Laden eingerichtet, die Tür abgesperrt und und erwartet, dass ihm das ausreichend Geld einbrächte. Das geheime Leben der Antiquare. Ich fühlte mich von einer Last befreit. Alles war gut. Er wolle hier auch Kulturveranstaltungen anbieten, sagte er in dem Moment. Ach, dachte ich.

Ich lobte den Namen seines Ladens: Das Antiquariat. Als wäre es das einzige seiner Art. Das war selbstironischer Größenwahn und lustig. Hier brachte er seine Lebensgefährtin ins Spiel, die ihm diesen Namen empfohlen hätte. Aha, dachte ich. Ob ich vom Fach sei, fragte der Antiquar, also, vom Werbefach oder so. Nein, sagte ich. Ich sei von einem anderen Fach, auch mit Sprache und so, aber etwas anderes, und das auch nicht mehr lange. Ich versuchte, es kurz zu machen, was ging das schließlich den Antiquar an, der mich doch gar nicht kannte.

Inzwischen stand ich wieder draußen auf dem Bürgersteig, auf dem Sprung, bereit zu verschwinden, aber in der wärmenden Sonne. Er stand in der Tür. Die Frage, ob das Leben in unserer kleinen Stadt oder in Berlin lebenswerter sei, wollte er noch diskutieren. Ob es ein richtiges und ein falsches Leben geben könnte oder nur zwei unterschiedliche. „Sie klingen ein bisschen wehmütig“, sagte er. Dass wir uns siezten fing an, seltsam zu werden. Innerhalb kürzester Zeit hatte ich ihm eine Skizze meiner aktuellen Lebenssituation geliefert, er vervollständigte sie durch geschicktes Nachfragen immer noch ein bisschen weiter.

Er selbst wirkte dabei, als beträfen ihn all diese Fragen nicht. Als schwebte er über so profanen Entscheidungen wie der, welche Stadt für einen Menschen die richtige sei. Für ihn gab es andere Rätsel. Zum Beispiel, ob er nach der offiziellen Eröffnung seines Antiquariats wirklich immer die Ladentür geöffnet haben müsste, auch an Tagen, an denen er nicht in Stimmung sei. „Machen Sie das zu Ihrem Marketing-Trick“, schlug ich vor, „malen Sie ein Schild: Heute keinen Bock auf Kunden, nur auf Bücher. Das könnte den Leuten gefallen.“ Er lächelte. Und erklärte mir, wie er es sah: „Ein Antiquariat ist kein Blumenladen.“ Es ginge nicht vorderhand darum, den Kunden zufrieden zu stellen. Es ginge darum seltene, besondere Bücher, Drucke und Handschriften aufzuspüren, zu erkennen, zu vermitteln. Die Bücher seien König, der Kunde und er bloß Dienstleister für die Kulturguterhaltung.

Eine Professorin mit Dackel kam vorbei, lächelte und sprach mit dem Antiquar über Thomas Mann. Ich stellte mir vor, Thomas Mann wäre ein alter Bekannter dieser beiden, er käme auch gleich um die Ecke, auf einen Spazierstock gestützt. Er ginge an mir vorbei, weil er mich nicht sehen könnte, ich wäre eine Zeitreisende und für ihn nicht zu erkennen. Dann würde Thomas Mann sich auf einen der beiden Sessel an den Nierentisch setzen, ins Schaufenster, und Schaufenster-Besitzer würde ihm einen Tee bringen, in einer Tasse zum Festhalten.

„Machen Sie denn im November eine Einweihungsfeier?“, fragte ich den Antiquar, als die Professorin weitergegangen war, und ich wusste, dass ihn die Frage zum Lachen bringen würde, so gut kannte ich ihn bereits. „Um Gottes Willen“, sagte er. Ich wusste auch, er würde nicht fotografiert werden wollen, trotzdem holte ich die Kamera heraus. Es war ein Moment zum Festhalten, und wer weiß, ob ich später einmal würde beweisen müssen, dass ich wirklich dort gewesen war. Falls es tatsächlich eine Zeitreise wäre, mir erschien inzwischen alles denkbar.

„Was, ein Foto? Aber nicht von mir“, sagte er. „Doch, sicher“, sagte ich. „Es gibt keine Fotos von mir“, sagte er, „ich bin da wie Thomas Bernhard, der das Fotografiertwerden wie so viele andere Dinge im Leben schlimm fand.“ Ich machte ein Foto von ihm und sagte: „Vielleicht habe ich deshalb ein Problem mit Thomas Bernhard.“ Ich fotografierte ihn ein zweites Mal, bat ihn, einfach stillzuhalten und sagte: „Keine Angst, ich mache es nur, weil das Licht so schön ist und das Haus und die Kaffeetasse, nur für meine Erinnerung, sonst nichts.“ Er ließ es zu. Dann sagte er: „Kommen Sie bald wieder“, und ich ging.

Und jetzt habe ich den Salat. Ich habe ihm nichts von meinem Büro erzählt. Davon, dass er darin eine Rolle spielt. Ich kann sein Foto hier unmöglich zeigen. Vielleicht erzähle ich es ihm noch, wenn ich mich traue. Und dann, wenn er nicht allzu schockiert ist, werde ich ihn fragen, ob ich einen Ausschnitt des Bildes hier zeigen kann. Seine Hände, wie sie die Tasse halten. Bis es soweit ist, muss ein kaum erkennbares Foto vom Ladenschild reichen.

Antiquariat

2 replies »

  1. Was für eine schöne Geschichte! Und so gut geschrieben. Aber das ist wohl die Kunst: eine Begegnung, die man ebensogut als belangloses Puzzleteil des Tages abhaken könnte, zu einer Geschichte zu machen. Jetzt hast du so sehr meine Neugier geweckt, dass ich mir den Antiquar persönlich ansehen werde! Bald. Nach der Mandel-OP. Und dann müssen wir uns auch endlich mal wieder treffen und einen Kaffee trinken!!!!

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